Heilpflanzen von A-Z: Alles mit B


Baldrian
Baldrian
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Schon griechische und römische Ärzte kannten Baldrian als erwärmendes, menstruationsförderndes und harntreibendes Mittel. Hildegard von Bingen und Paracelsus schätzten im Mittelalter seine schmerzstillende Wirkung. Später wurde die Pflanze als Nerven- und Schlafmittel entdeckt. Im Volks­glauben gilt Baldrian als zauberabwehrendes Mittel, was wohl auf seinen starken Geruch zurückzuführen ist. Die Pflanze wurde als Gewürz und sogar für die Parfümherstellung verwendet. Extrakte oder ätherisches Öl der Baldrianwurzel finden sich heute in manchem Badezusatz.

Wissenschaftlicher Name: Valeriana officinalis L.

Charakteristik

Hauptanbaugebieten von Baldrian sind Mitteleuropa, England, Frankreich, Osteuropa, Japan und die USA. Nach der Blütezeit im Juni und Juli, wird die Wurzel ab August geerntet. Die frisch gerodeten Wurzeln werden gewaschen, grob zerkleinert und sorgfältig getrocknet. Medizinisch genutzt werden Wurzelstock, Wurzel und Ausläufer.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei nervösen Unruhezuständen und Einschlafstörungen
Volksmedizin: bei Schlaflosigkeit, nervöser Erschöpfung und geistiger Überarbeitung, Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, Stress, Kopfschmerzen, Neurasthenie, Epilepsie, nervösen Herzleiden, Erregungszuständen während der Periode, Beschwerden des Klimakteriums, Neuralgien und Ohnmacht, nervösen Magenkrämpfen, Koliken, Uterusspasmen, Angst- und Spannungszuständen

Dosierung

Tagesdosis: 400-600 mg Trockenextrakte (3-7:1, 70% Ethanol)
Infus und Tee: 2-3 g Droge pro Tasse, aufgießen und 10-15 Minuten ziehen lassen, 2-3-mal täglich und vor dem Schlafengehen eine Tasse frisch bereiteten Tee trinken
Tinktur: ½ bis 1 Teelöffel (1-3 ml) ein- bis mehrmals täglich
Vollbad: 100 g zerkleinerte Droge mit 2 Liter Wasser heiß aufgießen, Aufguss in das Vollbad geben

Wirkung und Nebenwirkungen

In den letzten Jahren konnte in mehreren placebo­kontrollierten klinischen Studien gezeigt werden, dass Baldrian-Präparate bei guter Verträglichkeit zu einer deutlichen Verbesserung bestehender nicht-organischer Schlafstörungen führen. (Wheatley 2001; Donath et al. 2000; Dorn 2000; etc.).

Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung thera­peutischer Dosen der Droge sind nicht bekannt. In selten Fällen kann es zu Magen-Darmbeschwerden, in sehr seltenen Fällen zu Kontaktallergien kommen. Durch die schlaffördernde Wirkung kann sich das Reaktionsvermögen verändern, so dass eine aktive Teilnahme am Straßenverkehr und das Bedienen von Maschinen beeinträchtigt ist. Ausführlichere Auskünfte zu Risiken und Nebenwirkungen geben Ärzte und Apotheker.

Anwendung in Lebensmitteln

Die Wurzel oder das aus ihr gewonnene Öl wird als Aromastoff in vielen Lebensmitteln eingesetzt einschließlich Likör, Bier und alkoholfreies Root Bier. Wegen seiner außergewöhnlichen Wirksamkeit gegen Stress und Schlafstörungen gilt Baldrian als idealer Zusatzstoff für Functional Food Produkte.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke
Basilikum
Basilikum
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Bei den Griechen ist Basilikum als Mittel gegen allerlei Gebrechen beschrieben: gegen Lungenentzündung, Augenleiden und Skorpionbiss, Blähungen oder zur Milchabsonderung. Die ätherischen Öle galten als entzündungshemmend, antibakteriell und schmerzstillend. Da die Heilwirkung des Basilikums niedriger ist als bei vielen anderen Pflanzen, büßte es seine pharmazeutische Bedeutung jedoch im Laufe der Jahrhunderte weitgehend ein. In den Kräuterbüchern wird die Pflanze vor allem als Zusatz zu aromatischen Bädern und Kräuterschnupftabak beschrieben. Heute werden Zubereitungen aus Basilikumkraut zur unterstützenden Behandlung bei Völlegefühl und Blähungen sowie als appetitanregendes, verdauungsförderndes und harntreibendes Mittel eingesetzt.

Wissenschaftlicher Name: Ocimum basilicum.

Charakteristik

Basilikum ist etwa 20 bis 40 cm hoch. Der Stängel ist aufrecht, ästig und flaumig. Seine Blätter haben eine eirunde oder längliche Form.  Die weißen Lippenblüten zeigen sich von Juni bis Oktober.  Charakteristisch ist der starke Geruch des Basilikums.
Medizinisch verwendet wird das frische oder getrocknete Kraut.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: zur unterstützenden Behandlung bei Völlegefühl und Blähungen, bei Appetitlosigkeit und Verdauungsstörungen, als harntreibendes Mittel
Chinesische Medizin: bei Magenkrämpfen, leichten Nierenfunktionsstörungen, Zahnfleischgeschwüren, zur Blutstillung vor und nach der Geburt
Indische Medizin: bei Ohrenschmerzen, rheumatoider Arthritis, Magersucht, Juckreiz, Hauterkrankungen, Störungen der Regelblutung, Malaria und fieberhaften Erkrankungen
Sonstiges: als Küchenkraut und natürlicher Aromastoff

Dosierung

Tagesdosis: 3 g Droge
Teezubereitung: 0,5–1 g fein zerschnittene Droge mit 150 ml Wasser übergießen, 5–10 Minuten ziehen lassen, durch ein Sieb abgießen
Basilikumöl: enthalten in Fertigarzneimitteln (Kombinationspräparaten)

Risiken und Nebenwirkungen

Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung therapeutischer Dosen der Droge und Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Basilikumöl ist aufgrund des hohen Estragolgehalts nicht einzunehmen in Schwangerschaft und Stillzeit, von Säuglingen und Kleinkindern sowie über längere Zeiträume. Estragol gilt als krebserregend und mutagen (das Erbgut verändernd).


Quelle: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm

Autor: Sandra Göbel
Beinwell
Beinwell
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Schon der griechische Arzt Dioskurides kannte Beinwell als Heilpflanze gegen Wunden, Geschwüre und Knochenbrüche. Aus dem Griechischen stammt auch der wissenschaftliche Name von Beinwell. „Symphytos“ heißt  „zusammenwachsen, heilen“ und deutet schon an, dass Beinwell vor allem bei gebrochenen Knochen zum Einsatz kam. Auch mittelalterliche Autoren wie Hildegard von Bingen oder Paracelsus kannten die Pflanze als Wundheilmittel. Heute verwendet man die Wurzeln und Blätter des Beinwells bei stumpfen Verletzungen wie Zerrungen oder Verstauchungen sowie Sehnen- und Muskelentzündungen.

Wissenschaftlicher Name: Symphytum officinale.

Charakteristik

Die anspruchslose Pflanze ist in ganz Europa und in Gebieten mit gemäßigtem Klima in Asien verbreitet. Sie bevorzugt feuchte Standorte und wird etwa 80 Zentimeter hoch. Die traubenähnlichen Blüten weisen meist eine intensive dunkelblaue bis violette Farbe auf. Die Wurzeln sind außen schwarz und innen weiß.

Den Einsatz in der Sportmedizin als Pflanzenmus oder Salbe bei Muskel- und Sehnenverletzungen verdankt Beinwell seiner schmerzstillenden und entzündungshemmenden Wirkung. Eine innerliche Anwendung ist wegen der enthaltenen leberschädigenden Alkaloide nicht empfehlenswert.

Anwendungsbereiche

Äußere Anwendung: bei stumpfen Verletzungen wie Zerrungen, Quetschungen, Prellungen und Verstauchungen sowie Sehnen- und Muskelentzündungen, zur Anregung der Knochenheilung

Dosierung

Tagesdosis:  darf nicht mehr als 100 Mikrogramm Pyrrolizidinalkaloide enthalten
Äußere Anwendung: als Paste oder Umschlag aus zerkleinerter Droge; Fertigpräparate sind meist in Form von Salben erhältlich
Dauer der Anwendung: sollte 4 Wochen nicht überschreiten

Wirkung und Nebenwirkungen

Beinwell enthält Allantoin, Schleimstoffe, Gerbstoffe und Kieselsäure. Aufgrund dieser Inhaltsstoffe hat die Pflanze eine entzündungshemmende und schmerzstillende Wirkung. Die enthaltenen Pyrrolizidinalkaloide wirken leberschädigend und krebserregend.

Hinweise

Nur äußerlich und nur bei intakter Haut anwenden. Von einer Anwendung während Schwangerschaft und Stillzeit wird abgeraten.

Autor: Th. Brendler u. a., A. Schenk u. a., D. Frohne; K. Stegherr
Benediktenkraut
Benediktenkraut
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Im Mittelalter hatte das Benediktenkraut den Ruf eines Allheilmittels. Sogar die Pest soll es kuriert haben. Schon der Name der Pflanze benedictus (lat. gesegnet, gepriesen) verspricht große Wirkung: Die Distel soll Kopfschmerzen und Migräne vertreiben, Krebszellen abtöten, die Stimmung aufhellen und das Erinnerungsvermögen stärken. Auch bei Erkrankungen der Galle wie Gelbsucht verspricht es Abhilfe.

Wissenschaftlich anerkannt ist, dass das Benediktuskraut den Appetit anregt und Verdauungsbeschwerden lindert. Denn es enthält den Bitterstoff Cnicin. Dieser verleiht dem Kraut nicht nur seinen bitteren Geschmack, er fördert auch die Bildung von Speichel und Magensaft. Cnicin wirkt außerdem antimikrobiell und entzündungshemmend. Das Benediktenkraut kommt deshalb bei Fieber und Erkältungen zum Einsatz.

Zur medizinischen Anwendung nimmt man das blühende Kraut.

Wissenschaftlicher Name: Cnicus benedictus L.

Charakterisitik

Das Benediktenkraut ist einjährig und gehört zu den Korbblütlern. Man spricht auch von der Benediktendistel – denn die Blätter tragen am Rand kleine Stacheln und der Stiel ist klebrig behaart. Die Pflanze wird bis zu 50 Zentimetern groß und blüht von Juni bis August hellgelb.

Die Distel stammt aus dem Mittelmeerraum, vom Norden Portugals über Nordfrankreich bis hin zum Iran. Aufgrund ihrer Heilkräfte wird sie seit mehreren Jahrhunderten auch in Mittel-, Osteuropa und den Britischen Inseln kultiviert.

Anwendung

Als Arzneimittel verwendet man die getrockneten Stiele und Blätter sowie die Blütenstände.

Da sich die Bitterstoffe bei Hitze zersetzen, sollte die Droge nicht gekocht werden. Bei der Zubereitung eines Tees das Benediktenkraut daher nur mit siedendem Wasser übergießen.

Doch Vorsicht: viel Cnicin wirkt toxisch. 100 Milligramm des Bitterstoffs führen zu Erbrechen, 360 Milligramm verursachen Koliken und Durchfall. Die mittlere Tagesdosis von vier bis sechs Gramm der Benediktendistel sollte deshalb nicht überschritten werden.

Nebenwirkungen

Selten kommt es zu allergischen Reaktionen.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke
Besenginster
Besenginster
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Seinen Namen verdient der Besenginster seinen dichten und kräftigen Zweigen: Sie eignen sich nicht nur gut zur Herstellung von Besen, sondern ähneln dem Besenkopf auch in seiner Form. Der medizinische Einsatz von Besenginster ist erstmals für das Jahr 1485 beschrieben. Seine Bekanntheit konzentrierte sich zunächst vor allem auf den angelsächsischen Raum. Ab dem frühen 17. Jahrhundert taucht er auch in deutschen Heilpflanzenschriften auf. Besenginster-Abkochungen wurden gegen Wassersucht, Blasen- und Leberleiden empfohlen. Die Droge enthält Alkaloide, vor allem Spartein. Der biogene Amin Tyramin wirkt gefäßverengend und blutdrucksteigernd.

Wissenschaftlicher Name: Cysticus scoparius.

Charakteristik

Besenginster wächst bis zu 2 m hoch. Der Strauch verfügt über dicke Äste mit brauner Rinde, auf denen feine Härchen wachsen. Seine kleinen Blätter sind ei- bis lanzettförmig und verfügen über einen kurzen Stiel. Im Mai und Juni entwickelt die Pflanze leuchtend-gelbe Blüten von bis zu 25 mm Länge.
Medizinisch verwendet werden die getrockneten und frischen Blüten (Cytisi scoparii herba).

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei funktionellen Herz- und Kreislaufbeschwerden sowie zur Unterstützung der Behandlung von Kreislaufstörungen und niedrigem Blutdruck
Volksmedizin: bei Ödemen, Herzrhythmusstörungen, nervösen Herzbeschwerden; bei zu starker Menstruation, postpartalen Blutungen und als Wehenmittel; bei Zahnfleischbluten
Sonstige Verwendung: zur Herstellung von Besen, Netzen und Tüchern; auch als Gerbe- und Färbittel

Dosierung

Teeaufguss: 1–2 g (ca. 1 Teelöffel) auf 150 ml Wasser, 10 Minuten ziehen lassen, 3-mal täglich eine frische Tasse trinken
Fluidextrakt: 1–2 ml zur Einnahme
Tinktur: 0,5–2 ml zur Einnahme

Risiken und Nebenwirkungen

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung therapeutischer Dosen der Droge sind keine Risiken bekannt. Im Falle einer Überdosierung (ab ca. 30 g der Droge) treten Schwindel und Kopfschmerzen auf, zudem Herzklopfen, Pupillenerweiterung, Schweißausbrüche und Schläfrigkeit.
Besenginster sollte nicht bei Bluthochdruck oder während der Schwangerschaft angewendet werden. Von einer gleichzeitigen Einnahme mit MAO-Hemmern wird abgeraten, da eine Blutdruckkrise droht (aufgrund des Tyramingehalts der Droge).

Quelle:
Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm

Autor: Sandra Göbel
Bibernelle
Bibernelle
Anton Kozyrev/Shutterstock.com

Erste Erwähnungen findet die Bibernelle, auch Pimpernell genannt, in Kräuterbüchern des 16. Jahrhunderts. Dort wird sie als Mittel gegen Pest und Cholera hervorgehoben. Beschrieben wird sie auch als Mittel gegen Steinleiden und Schmerzen sowie zur Anregung der Schleimhäute, Hautdrüsen und Nieren. Letztere Anwendung machte sich auch Sebastian Kneipp zunutze. Er verwendete die Bibernelle zur Behandlung von Gicht und Nieren- oder Blasensteinen sowie zur Reinigung von Lunge, Nieren und Blase. In der Homöopathie kommt die Pflanze bei Fieber und Wirbelsäulenschmerzen zum Einsatz. Als medizinisch wirksamer Bestanteil gilt das in den Wurzeln enthaltene ätherische Öl.

Wissenschaftlicher Name: Pimpinella major, Pimpinella saxifraga.

Charakteristik

Die 50 bis 100 cm hohe Bibernelle ist ausdauernd und in fast ganz Europa heimisch. Ihre Blätter sind einfach gefiedert und glänzend, ihr Stengel zeigt sich aufrecht, hohl, wenig beblättert und im oberen Teil stark ästig. Zur Blütezeit von Juni bis September bilden sich seitliche  Blattrosetten. Die kleinen weißen Blüten sind in mehrstrahligen Dolden angeordnet. Tief dunkelbraun bis schwarz ist die Frucht. Die Wurzel ist spindel- bis möhrenförmig. Charakteristisch ist ihr ranziger Geruch und brennend scharfer Geschmack.
Medizinisch verwendet werden die getrockneten Wurzelstöcke und Wurzeln und die frischen, im Mai gesammelte Wurzeln. 

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei Schleimhautentzündung der Atemwege
Innere Anwendung in der Volksmedizin: bei Entzündungen und Steinen von Nieren und Blase, Ödemen
Äußerliche Anwendung in der Volksmedizin: als Badezusatz bei schlecht heilenden Wunden, als Gurgellösung bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum
Homöopathie: bei Fieber und Wirbelsäulenschmerzen

Dosierung

Tagesdosis: 6–12 g Droge für Teeaufgüsse bzw. 6–15 ml Tinktur (Mischungsverhältnis 1:5)
Aufguss: 3 g Droge pro Tasse, drei- bis viermal täglich 1 Tasse trinken (mit Honig süßen)
Gurgeltinktur: 30 Tropfen in ein Glas Wasser
Bei Husten: 5–10 Tropfen auf einen Zuckerwürfel
Homöopathisch: bei akuten Beschwerden 5 Tropfen oder 1 Tablette oder 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung alle 30–60  Minuten, bei chronischen Beschwerden 5 Tropfen oder 1 Tablette oder 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung ein- bis dreimal täglich

Risiken und Nebenwirkungen

Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung therapeutischer Dosen der Droge und Nebenwirkungen sind nicht bekannt.
Eine Sensibilisierung hellhäutiger Personen gegenüber UV-Strahlen ist denkbar.

Quelle: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm

Autor: Sandra Göbel
Bilsenkraut, schwarzes
Bilsenkraut, schwarzes
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Die Verwendung von Bilsenkraut hat in zweierlei Hinsicht eine lange Tradition: als Gift- und Heilpflanze. Aus zahlreichen historischen Dokumenten ist ihre Anwendung in der antiken Medizin belegt. Die Einsatzgebiete der Pflanze waren vielfältig. Im 1. Jahrhundert nach Christus verordnete zum Beispiel der griechische Arzt Dioskurides die Pflanze als Schlafmittel, wenn seine Patienten nicht zur Ruhe fanden. Der italienische Arzt Matthiolus achtete die blutstillende Wirkung der Pflanze. Krämpfe, Geschwüre und Schmerzen waren weitere Indikationen. Im Mittelalter diente die Pflanze vielen Ärzten als Narkosemittel, etwa bei chirurgischen Eingriffen. Heute steht die entkrampfende und beruhigende Wirkung des Bilsenkrauts im Vordergrund.

Wissenschaftlicher Name: Hyoscyamus niger.

Charakteristik

Bilsenkraut ist ein Nachtschattengewächs, welches ursprünglich aus Europa, Asien und Nordafrika stammt. Inzwischen ist die Pflanze auch in Nordamerika und Australien heimisch.

Das Kraut erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 80 cm. Seine Blätter sind länglich-eiförmig und gezähnt, meist von graugrüner Farbe. Die Blüten sind beblätterte zurückgerollte Ähren mit einem krugförmigen Kelch. Meist sind sie von gelber Farbe mit violetten Adern, im Schlund oft dunkelviolett. Die Früchte sind bauchig und bis zu 1,5 cm lang. Jede Frucht enthält bis zu 200 nierenförmige, 1 mm große Samen. Die Blüten zeigen sich von Juni bis Oktober, geerntet wird die Pflanze von Juli bis September.

Medizinische Verwendung

Medizinisch verwendet werden die getrockneten Blätter (Hyoscyami folium) und die getrockneten Samen (Hyoscyami semen). Gelegentlich kommt die ganze frische und blühende Pflanze zum Einsatz. Als fertige Zubereitungen gibt es Bilsenkrautöl (Hyoscyami maceratum oleosum) und Bilsenkrautblättertinktur (Hyoscyami tinctura). Die homöopathische Urtinktur wird aus dem blühenden schwarzen Bilsenkraut gewonnen.

Alle Pflanzenteile enthalten stark wirksame Tropanalkaloide, die Teile des unwillkürlichen Nervensystems hemmen und die glatte Muskulatur entkrampfen. Bereits der stark aromatische Geruch der Pflanze wirkt betäubend. Doch den höchsten Wirkstoffgehalt weisen die Samen auf. Schon 15 Samenkörner können für Kinder tödlich wirken.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei Krämpfen im Verdauungstrakt
Äußerliche Anwendung: als Bilsenkrautöl zur Narbenbehandlung
Innere Anwendung in der Volksmedizin: bei verschiedenen Schmerzsyndromen, insbesondere bei Zahn- und Gesichtsschmerzen, schmerzenden Tumoren und Geschwüren, Magenkrämpfen und Unterleibsentzündungen, als Räuchermittel gegen Asthma
Traditionelle Chinesische Medizin: bei Hustenanfällen
Indische Medizin: bei Zahnschmerzen, Zahnfleisch- und Nasenbluten, Regelbeschwerden, Wurmbefall, blutigem Erbrechen, Asthma, verschiedenen Schmerzsyndromen, Hirnhautentzündung
Homöopathie: bei Migräne, Husten, Bronchitis, Nervosität, Manien, Unruhe und Schlafstörungen
In Lebensmitteln: Bilsenkraut wurde früher Bier beigemischt, um die berauschende Wirkung des Getränks zu verstärken. Erst durch das deutsche Reinheitsgebot aus dem Jahr 1516 wurde die Beimischung zum Bier untersagt. Einige Theoretiker halten es sogar für möglich, dass der Name Pilsener von Bilsenkraut kommt.
Sonstige Anwendung: als Mittel gegen Mäuse und Ratten (Rattengift)

Dosierung

Tagesdosis: maximal 3 g Pulverdroge oder 0,2-0,5 ml Fluidextrakt. Bei eingestelltem Pulver und Fluidextrakt aus der Apotheke wird der Alkaloidgehalt auf einen fest definierten Wert  gebracht. Die Einnahme uneingestellten Pulvers ist wegen der Vergiftungsgefahr nicht zu vertreten.
Homöopathie: nach Angabe des Homöopathen  

Risiken und Nebenwirkungen

Wegen der geringen therapeutischen Breite sollte die innerliche Anwendung ausschließlich nach Absprache mit dem Arzt oder Apotheker erfolgen. Mögliche Nebenwirkungen sind Mundtrockenheit, Pupillenerweiterung, Herzrasen, Sehstörungen, Störungen der Blasenentleerung, Verstopfung, Wärmestau und Hautrötung.
Bilsenkraut beeinflusst die Wirkung einiger Medikamente. Apotheker bieten einen Wechselwirkungs-Check an.
Schwere Vergiftungen sind besonders bei Missbrauch der Droge als Rauschmittel denkbar.

Quelle: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm

Autor: Sandra Göbel
Birke
Birke
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Bereits bei den Germanen und Kelten spielte die Birke als Zaubermittel und Frühlingssymbol eine Rolle. Historischen Überlieferungen zufolge glaubten sie, durch einen Birkentrunk Schönheit, Fruchtbarkeit und Stärke zu erlangen und die Druiden weihten ihre Schüler mit einem Birkenzweig. Im 12. Jahrhundert setzte Hildegard von Bingen die Birkenrinde ein, um Wunden zu schließen. Faner diente Birkensaft in der Volksmedizin zur Behandlung von Steinleiden, Gelbsucht, Mundfäule und Hautflecken. Man schrieb dem Saft schweiß- und harntreibende Eigenschaften zu. Heute verwendet man die Birkenblätter und -knospen in Form von Tee als Mittel gegen Blasen- und Nierenleiden, Gicht und Rheuma. Darüber hinaus wird die Birke in vielen Gegenden am 1. Mai als Maibaum aufgestellt, um den Beginn des Frühlings zu feiern.

Wissenschaftlicher Name: Betula pubescens (Moorbirke), Betula pendula (Hängebirke).

Charakteristik

Die Birke ist vom nördlichen Mittelmeerraum bis Sibirien und im gemäßigten Teil Asiens verbreitet. In der Medizin spielen die Moorbirke und die Hängebirke eine Rolle. Es handelt sich um bis zu 30 Meter hohe Bäume oder Sträucher mit weißer Rinde, die sich meist mit der Zeit horizontal abschält oder in eine schwarze Borke umwandelt. Im Frühjahr wachsen der Birke ihre zugespitzen Blätter und länglichen Blüten. Die männlichen Blüten sind gelb und hängen an der Spitze der jungen Triebe, die weiblichen sind grün und wachsen an den kurzen Seitenzweigen. Die Oberfläche der Blätter ist dunkelgrün, die Unterseite hell- bis graugrün. Charakteristisch ist der zackige Rand der Blätter. Bei der Hängebirke erreichen sie eine Breite von bis zu 7 Zentimetern, sind unbehaart und beiderseits dicht mit Harzdrüsen punktiert. Die Blätter der Moorbirke sind oberseits kahl, unterseits behaart und fallen mit einer Maximalbreite von 5 Zentimetern etwas kleiner aus. Medizinisch verwendet werden von beiden Birkenarten die Rinde, die Blätter und Knospen sowie Birkensaft und Öl, welches aus der Rinde gewonnen wird. Die Blätter und Knospen werden im Frühling geerntet und an der Luft getrocknet.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei Rheuma, Gicht, Nierensteinen, bakteriellen und entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege, Hauterkrankungen
Äußere Anwendung: bei Hautproblemen, Kopfschuppenbildung, Rheuma, Gicht und zur Förderung des Haarwuchses
In der Volksmedizin: zur Blutreinigung im Rahmen von Frühjahrkuren bei Gicht und Rheuma

Sonstige Verwendung

Mit den klein gehackten, frisch gepflückten jungen Blättern lassen sich Salate, Frühlingssuppen und Kräuterkäse würzen.

Dosierung

Tagesdosis: 1500 mg Trockenextrakt
Tee: 3- bis 4-mal täglich eine frische Tasse zwischen den Mahlzeiten trinken. Dazu 1 bis 2 Teelöffel der Droge mit heißem Wasser übergießen, 15 Minuten ziehen lassen. Vor dem Trinken die festen Bestandteile der Droge aussieben. 

Risiken und Nebenwirkungen

Bei Herz- oder Nierenschwäche ist von der Anwendung abzusehen.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke; Sandra Göbel
Blutwurz
Blutwurz
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Ihren Namen verdankt die Pflanze aus der Familie der Rosengewächse der blutroten Farbe ihres Wurzelsaftes. In Nordeuropa, vor allem in Schottland und Lappland, verwendeten die Menschen diesen roten Saft früher, um Leder rot zu färben. Verantwortlich für die Rotfärbung ist der Farbstoff Tormentol. Weitere Inhaltsstoffe wie Gerbstoffe, Flavonoide oder ätherische Öle machen den Blutwurz zu einer beliebten Pflanze der Naturheilkunde und der Schulmedizin. Blutwurz wirkt adstringierend, also zusammenziehend, und entzündungshemmend.

Eine andere Verwendung findet der Blutwurz heute im Bayerischen Wald: Dort stellt man daraus einen beliebten Kräuterlikör oder -schnaps her.

Wissenschaftlicher Name: Potentilla erecta.

Charakteristik

Blutwurz hat kleine gelbe Blüten, die auf stark verzweigten Stängeln wachsen und von Juli bis August blühen. Die Pflanze erreicht eine Höhe von bis zu 30 Zentimetern und trägt kleine, nussartige Früchte. Medizinische Verwendung findet der Wurzelstock. Er ist 1 bis 3 Zentimeter dick, außen dunkelbraun und innen blutrot.

Als Standort bevorzugt der Blutwurz sonnige Plätzen wie Wiesen oder helle Wälder. Er ist in Nord- und Mitteleuropa, Westasien und Nordafrika verbreitet

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei akuten, unspezifischen Durchfällen
Äußere Anwendung: bei Mundfäule, bei Prothesendruckstellen und bei Entzündungen im Mund- und Rachenraum wie Zahnfleischentzündungen
Volksmedizin: innerlich bei Magen-Darm-Entzündung und Durchfall; äußerlich bei schlecht heilenden Wunden, Erfrierungen, Verbrennungen und Hämorrhoiden

Dosierung

Tagesdosis:  4-6 g Droge
Tee: 2-3 g (1/2 TL) auf 150 ml Wasser, 10-15 min. ziehen lassen, bei Durchfall 3-4 mal täglich eine Tasse trinken
Tinktur: 10-20 Tropfen auf ein Glas Wasser, mehrmals täglich spülen

Hinweis

Bei empfindlichen Personen können die Gerbstoffe zu Magenbeschwerden führen.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke; Katrin Stegherr
Brennnessel
Brennnessel
ArgenLant/Shutterstock.com

Schon im Altertum wurde die Brennnessel sehr ausführlich beschrieben und als Heilmittel genutzt. Sie galt als menstruationsfördernd, erweichend, wind- und harntreibend, gut gegen Hundebisse, krebsartige Geschwüre, brandige Wunden, Furunkel, Geschwülste, geschwollene Drüsen, Verrenkungen, Nasenbluten, Milzbeschwerden, Brustfell- und Lungenentzündungen, Asthma, Hautgrind und Mundkrankheiten.

Wissenschaftlicher Name: Urtica dioica L.

Charakteristik

Brennnesselkraut besteht aus den während der Blüte gesammelten frischen oder getrockneten oberirdischen Teilen der Pflanze sowie deren Zubereitungen. Sie stammt aus Albanien, Bulgarien, Ex-Jugoslawien, Russland und Ungarn. Die Pflanze ist ein homöopathisches Mittel. Medizinisch verwendet werden frische und getrocknete blühende Pflanzen und die Wurzeln.

Anwendungsbereiche

Kraut und Blätter:
Innere Anwendung: Erschwertes Wasserlassen bei Prostataadenom I-II, Durchspülungstherapie bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege sowie vorbeugend bei Nierengrieß.
Äußere Anwendung: als Adjuvanz bei rheumatischen Beschwerden.
Volksmedizin: Innerlich als „blutbildendes“ Mittel, als entwässerndes Mittel, bei Arthritis, Gelenk- und Muskelrheumatismus, als Bestandteil diabetischer Tees; äußerlich zur Pflege der Haare und der Kopfhaut gegen zu fettiges Haar und Schuppen. Die Wirksamkeit bei den volksmedizinischen Anwendungen ist nicht belegt. Vor der Verwendung diabetischer Tees wird ausdrücklich gewarnt.

Wurzeln:
Innere Anwendung: Erschwertes Wasserlassen bei Prostataadenom I-II
Volksmedizin: bei Ödemen, Rheuma, Gicht und Prostatitis. Die Wirksamkeit für die volksmedizinischen Anwendungen ist nicht belegt.

Dosierung

Kraut und Blätter: Innere Anwendung: Tagesdosis: 8-12 g Droge; auf ausreichende Flüssigkeitszufuhr achten (mindestens 2 l/Tag).
Tee: 1,5 g fein geschnittenes Kraut mit kochendem Wasser ziehen lassen, zur Wasserausschwemmung mehrmals täglich 1 Tasse trinken. Äußere Anwendung: Tinktur/Spiritus (1:10)

Wurzeln: Tagesdosis: 4-6 g Droge
Tee: 1,5 g Droge in beliebig viel Wasser

Wirkung und Nebenwirkungen

Kraut und Blätter: Aus der Forschung ist bekannt, dass die frischen Blätter Acetylcholin, Serotonin und Histamin enthalten. Der Presssaft wirkt bei Ratten entwässernd. Im Tierversuch wurde auch ein lokalanästhesierender und schmerzlindernder Effekt beobachtet. Bei Menschen liegt zur entwässernden Wirkung nur eine ältere, nicht-kontrollierte Studie an 34 Patienten vor, bei denen in der Mehrzahl ein deutlicher Effekt beobachtet wurde. Ein signifikanter Effekt als Mittel gegen Arthritis wurde in einer placebokontrollierten und zwei offenen Studien an insgesamt 1600 Patienten nachgewiesen.

Wurzeln:
Studien belegten bei Patienten mit gutartiger Prostata­vergrößerung, Prostataadenomen und verwandten Beschwerden in der großen Mehrheit eine signifikante Verbesserung von Harnfluss, ausgeschiedener Urinmenge und Befindlichkeit. Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung therapeutischer Dosen der Droge sind nicht bekannt. Als Nebenwirkungen der Einnahme können gelegentlich leichte Magen-Darm-Beschwerden auftreten. Die Droge mildert nur die Symptome einer vergrößerten Prostata, behebt aber nicht die Ursache.

Anwendung in Lebensmitteln

Kraut und Blätter: Die Blätter werden als Ersatz für Spinat besonders im Frühling gegessen und wegen ihrer entwässernden und "blutreinigenden" Eigenschaften geschätzt. Sie sind reich an Vitaminen, Mineralstoffen und Spurenelementen, ferner Serotonin, Acetylcholin und Histamin. Neben den entwässernden Eigenschaften und einer positiven Beeinflussung der Symptomatik bei Prostataadenomen erwies sich die Brennnessel als antirheumatisch und antiarthritisch wirksam. Ferner wurden antiallergische, krampflösende und schwach blutdrucksenkende Aktivitäten beschrieben.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke
Bärentraube
Bärentraube
Sigur/Shutterstock.com

Die Bärentraube gilt als nordische Arzneipflanze, ihre Wirksamkeit wurde bereits im 17. Jahrhundert beschrieben. Heilkundige wendeten die Bärentraube insbesondere bei den Krankheiten des Urogenitalsystems und der Gallenwege an, aber auch bei Entzündungen der Genitalien sowie zur Harndesinfektion bei Erkrankungen der Harnorgane und des Nierenbeckens. Wegen ihres hohen Gerbstoffgehalts wurden Bärentraubenblätter früher zum Gerben von Leder und zum Färben von Wolle benutzt. Den Namen Bärentraube bekam sie, weil Bären gerne die Früchte und Blätter dieser Pflanze essen. In Deutschland steht sie unter Naturschutz.

Wissenschaftlicher Name: Arctostaphylos uva-ursi (L.) Spreng.

Charakteristik

Die Bärentraube wächst in kühleren Gegenden der Nordhalbkugel - von der Iberischen Halbinsel über Mitteleuropa bis Skandinavien, in Russland sowie Nordamerika. Sie wird vor allem in Spanien, Italien und der Schweiz aus Wildbeständen gesammelt. Medizinisch verwendet werden die getrockneten Blätter und Zu­bereitungen aus frischen Blättern (z. B. als Blasen- und Nierentee).

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei entzündlichen Erkrankungen der ableitenden Harnwege und Katarrhen des Nierenbeckens (auch zur Vorbeugung vor Rückfällen) sowie bei funktionell bedingten Störungen (z. B. Reizblase).
Volksmedizin: alle Formen der Urogenital- und Gallenwegserkrankungen.
Homöopathie: Entzündungen der ableitenden Harnwege.

Dosierung

Tagesdosis: 10 g feingeschnittene oder pulverisierte Droge.
Einzeldosis: 2 g Fluidextrakt oder 0,4 g Trockenextrakt.
Homöopathisch: 5-10 Tropfen, 1 Tablette, 5-10 Globuli

Wirkung und Nebenwirkungen

Der Bärentraube wird ein antibakterieller und adstringierender Effekt zugeschrieben. Laut einer neuen Studie soll der Extrakt aus den Blättern in der Lage sein, die Wirkung von Antibiotika zu potenzieren.

In hohen Dosen schädigt das in der Bärentraube enthaltene Arbutin die Leber, daher sollten Menschen mit schweren Leber- oder Nierenerkrankungen sie nicht anwenden. Auch Schwangere und stillende Mütter sowie Kinder unter zwölf Jahren sollten auf die Anwendung der Bärentraube verzichten.

Bei ordnungsgemäßer Anwendung der Droge sind keine Risiken zu befürchten. Ohne ärztlichen Rat sollten Mittel aus Bärentraube jedoch nicht länger als eine Woche und höchstens 5-mal pro Jahr eingenommen werden. Aufgrund des hohen Gerbstoffgehalts können bei magenempfindlichen Personen Übelkeit und Erbrechen auftreten. Die harn­desinfizierende Wirkung der Bärentraube tritt bevorzugt in alkalischem Milieu auf. Daher sollte man während der Anwendung auf Arzneimittel und Speisen verzichten, die den Harn ansäuern - bei Fragen wenden Sie sich an Ihren Apotheker.

Anwendung in Lebensmitteln

Keine Angaben

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke
Bärlauch
Bärlauch
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Bärlauch wird vor allem als Gewürz verwendet, kann jedoch auch eine lange Tradition als Heilpflanze vorweisen. Bereits den Römern war er als magen- und blutreinigendes Mittel bekannt. Verdauungsfördernde Eigenschaften werden der Pflanze auch heute noch zugeschrieben. Darüber hinaus soll Bärlauch Arteriosklerose vorbeugen und damit das Risiko für Zivilisationskrankheiten wie Herzinfarkt verringern. Die gesundheitsfördernden Eigenschaften des Bärlauchs werden vor allem seinen knoblauchähnlichen Substanzen, insbesondere Alliinen, zugeschrieben, die im Bärlauch jedoch in geringerer Konzentration vorliegen, weshalb er höher dosiert werden muss.

Wissenschaftlicher Name: Allium ursinum.

Charakteristik

Die Pflanze besitzt einen kompakten Stängel und erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 50 cm. Ihre Laubblätter sind lanzetten- und eiförmig. Zur Blütezeit von Mai bis Juni bildet sich eine 2,5 bis 6 cm breite Dolde mit weißen Blütenhüllblättern. Die fast zylindrische Zwiebel ist bis zu 6 cm groß und von weißlichen oder gelblichen Häuten umgeben. Besondere Merkmale des Bärlauchs sind sein auffälliger Lauchgeruch und seine großflächigen Bestände.

Medizinisch verwendet werden das frische Kraut (Allii ursini herba), seltener die frische Zwiebel.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei Magen-Darm-Störungen, erhöhten Blutfettwerten, Bluthochdruck, Arteriosklerose und zur Vorbeugung altersbedingter Gefäßveränderungen
Äußerliche Anwendung: bei Hühneraugen, Warzen, Ohrentzündungen, Muskel- und Nervenschmerzen, Arthritis und Ischias
Volksmedizin: bei Bluthochdruck, entzündlichen Atemwegserkrankungen, Keuchhusten, Verdauungsstörungen und Blähungen, Wechseljahresbeschwerden
Indische Medizin: bei Bronchitis, Verstopfung, Gelenkschmerzen und Fieber
Homöopathie: bei Verdauungsstörungen, Entzündungen der oberen Luftwege, Muskelrheumatismus im Lendenbereich
Sonstige Verwendung: als Nahrungsmittel und Gewürz

Dosierung

Tinktur: 1- bis 3-mal täglich 10–50 Tropfen; Herstellung: Bärlauch-Blätter in ein Glas mit Schraubdeckel geben, mit Weingeist oder Doppelkorn übergießen und verschlossen ziehen lassen (2–6 Wochen); abseihen und umfüllen; bei Bedarf mit Wasser verdünnen
Homöopathie: 5 Tropfen oder 1 Tablette oder 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung alle 30–60 min (akut) oder 1- bis 3-mal täglich (chronisch)
Parenteral: 1- bis 2-mal täglich s. c. (HAB)

Risiken und Nebenwirkungen

Bei bestimmungsgemäßer Anwendung therapeutischer Dosen der Droge sind keine Risiken bekannt.

Quelle:
Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm

Autor: Sandra Göbel
Brombeere
Brombeere
Ivana Vrnoga/Shutterstock

Die Brombeerpflanze ist kulinarisch sehr vielseitig. Die Blätter des Strauchs finden sich als wohlschmeckende Zugabe in vielen Teemischungen. Besonders beliebt sind die Früchte – pur, als Fruchtaufstrich oder Kuchenbelag. Darüber hinaus sind sie sehr gesund, da sie viel Vitamin C, Mineralstoffe und Balllaststoffe enthalten. Medizinisch wirksam sind sie nicht, ganz im Gegensatz zu den Blätter des Brombeerstrauches, die Gerbstoffe, Flavanoide und Fruchtsäuren enthalten. Schon seit Hippokrates gelten sie als wirkungsvolle Heilmittel gegen verschiedene Krankheiten und finden auch in der heutigen Medizin Verwendung. Im Laufe der Jahrhunderte setzte man die Blätter – und lange Zeit auch die Früchte – gegen Geschwüre, lockere Zähne, Mundfäule, Nierensteine und Durchfall ein.

Wissenschaftlicher Name: Rubus fruticosus.

Charakteristik

Die Brombeere ist eine dornige Kletterpflanze aus der Familie der Rosengewächse. Sie erreicht eine Wuchshöhe von bis zu 2 Metern. Die Blätter sind meist fünfpaarig gefiedert und an der Unterseite grau bis weiß behaart. Im Juni bis August bilden sich kleine, weiße bis rosafarbene Blüten, aus denen sich die blauschwarzen Früchte entwickeln. Diese sind botanisch gesehen keine „Beeren“, sondern Sammelfrüchte. Jede Brombeere besteht aus vielen kleinen Steinfrüchten.

Heimisch ist die Brombeere in Europa, inzwischen ist sie aber auch in Amerika und Australien verbreitet. Medizinisch verwendet man die während der Blütezeit gesammelten und getrockneten, fermentierten Blätter.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei unspezifischen, akuten Durchfallerkrankungen
Äußere Anwendung: bei leichten Entzündungen der Mund- und Rachenschleimhaut

Dosierung

Tagesdosis:  2-5 g Droge
Tee: 1,5 g Droge mit kochendem Wasser übergießen, 10-15 min. ziehen lassen

Anwendung in Lebensmitteln

Die Früchte der Brombeere werden frisch verzehrt oder verarbeitet, z. B. zu Gelee, Konfitüre, Marmelade oder Saft. Brombeerblätter sind häufiger Bestandteil von Teemischungen.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke; Katrin Stegherr
Bruchkraut
Bruchkraut
Ole Schoener/Shutterstock.com

Erst seit dem Mittelalter lässt sich die Verwendung der Pflanze in der Heilkunde belegen. Das Kraut wurde vor allem gegen Bruchleiden benutzt, galt außerdem als harntreibendes Mittel und Hilfe gegen Nierensteine. Dann wurde es lange still um das Kraut, das erst in diesem Jahrhundert wieder mehr Aufmerksamkeit fand.

Wissenschaftlicher Name: Herniaria glabra L.

Charakteristik

Bruchkraut kommt im gemäßigten und südlichen Teil von Europa und im asiatischen Teil Rußlands vor. Blüte und Erntezeit ist Juni bis September. Medizinisch verwendet wird die frische, blühende Pflanze.

Anwendungsbereiche

Bei Beschwerden im Bereich der Nieren und der ableitenden Harnwege, bei Erkrankungen der Atemwege, bei Nervenentzündungen und Nervenkatarrh, bei Gicht und Rheumatismus sowie zur Blutreinigung.

Dosierung

Tee: 1,5 g fein geschnittene Droge werden mit kaltem Wasser versetzt und kurz aufgekocht, nach 5 Minuten durch ein Teesieb geben. Als Diuretikum 2-3-mal täglich eine Tasse trinken.

Wirkung und Nebenwirkungen

Die Wirksamkeit der Droge ist nach Kriterien der klinischen Prüfungen von Arzneimitteln nicht belegt. Geringe entkrampfende und harntreibende Wirkungen wurden dennoch beobachtet. Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung therapeutischer Dosen der Droge und Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Autor: Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke
Buchweizen
Buchweizen
Simon Groewe/Shutterstock.com

Anders als der Name vermuten lässt, zählt Buchweizen nicht zu den Getreidearten, sondern zu den Knöterichgewächsen. In seiner Bedeutung als Nahrungspflanze stand der Buchweizen dem Getreide jedoch in nichts nach: Vom 15. bis 18. Jahrhundert zählte er zu den wichtigsten Lebensmitteln der einfachen Bevölkerung. Aus seinen Körnern bereiteten die Bauern Grütze und Mehl zu – nahrhafte Speisen, denn die Buchweizengerichte enthielten viel Stärke, Protein und Mineralstoffe. Über die folgenden Jahrhunderte fast in Vergessenheit geraten, gewann der Buchweizen in jüngster Vergangenheit wieder ernährungsphysiologische Bedeutung. Denn im Gegensatz zu Getreide enthält er kein Gluten. Er eignet sich deshalb hervorragend als Getreideersatz für Menschen mit Glutenunverträglichkeit (Zöliakie).

Als Heilpflanze machte sich der Buchweizen erst spät einen Namen: In den 70er-Jahren wiesen Forscher nach, dass Buchweizen reich an Rutin (Rutosid) ist: Seine Blätter enthalten bis zu 8 % dieses sekundären Pflanzenstoffs aus der Gruppe der Flavonoide. Studien zufolge hilft Rutin bei Venenschwäche, indem es die Durchblutung in den kleinen Gefäßen (Venolen und Kapillaren) verbessert. Zudem reduziert Rutin die Brüchigkeit der Kapillaren, sodass weniger Flüssigkeit aus dem Gefäß in das umgebende Gewebe austritt. Diese gefäßabdichtende Wirkung beugt Schwellungen durch Wassereinlagerungen im Gewebe (Ödeme) vor.
Medizinisch verwendet wird vor allem Buchweizen-Tee. Außerdem findet sich Buchweizenextrakt in einigen Nahrungsergänzungsmitteln und pflanzlichen Fertigpräparaten. Auch in der Homöopathie kommt Buchweizen zum Einsatz. Die Wirksamkeit für homöopathische Anwendungen ist allerdings wissenschaftlich nicht belegt.

Wissenschaftlicher Name: Fagopyrum esculentum.

Charakteristik

Der Buchweizen stammt ursprünglich aus Zentralasien, wird heute jedoch weltweit als Kulturpflanze angebaut. Vermutlich brachten die Mongolen die Pflanze im 14. Jahrhundert nach Europa. Die einjährige Pflanze erreicht eine Höhe von bis zu 60 cm. Ihre Stängel sind rötlich und verzweigt. Ein charakteristisches Merkmal des Buchweizens sind seine spitzen, pfeilförmigen Blätter. Von Juli bis Oktober bildet er weiß- bis rosafarbene Blüten. Aus diesen entwickeln sich kastanienbraune Nussfrüchte von circa 5–6 cm Länge. Die Ähnlichkeit dieser Nussfrüchte mit Bucheckern sowie seine Verwendung als Getreideersatz verhalfen dem Buchweizen zu seinen Namen.
Medizinisch eingesetzt werden die zur Blütezeit geernteten und getrockneten Blätter und Blüten sowie die frischen oberirdischen Pflanzenteile.

Anwendungsbereiche

Innere Anwendung: bei Venenschwäche (Stufen I und II), Durchblutungsstörungen in den kleinen Blutgefäßen, venösen Stauungen und Krampfadern, zur Vorbeugung von Arterienverkalkung (Arteriosklerose)
Homöopathie: bei Venenschwäche, Krampfadern, Frostbeulen und Hauterkrankungen mit Juckreiz

Dosierung

Tee: ca. 1,5–2 g (1/2 Teelöffel) zerkleinerte Droge mit 200 ml heißem Wasser übergießen, 10–15 Minuten ziehen lassen, abseihen, 2-mal täglich eine Tasse trinken
Homöopathie: bei akuten Beschwerden 5 Tropfen oder 1 Tablette oder 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung alle 30–60 Minuten, bei chronischen Beschwerden 5 Tropfen oder 1 Tablette oder 10 Globuli oder 1 Messerspitze Verreibung ein- bis dreimal täglich
Fertigarzneimittel: in apothekenpflichtigen Phytotherapeutika und Arznei-Tees enthalten; Dosierung nach Beipackzettel bzw. Gebrauchsinformation

Risiken und Nebenwirkungen

Risiken der bestimmungsgemäßen Anwendung therapeutischer Dosen der Droge und Nebenwirkungen sind nicht bekannt.

Quelle:

  • Thomas Brendler, Joerg Gruenwald, Christof Jaenicke: Heilpflanzen CD-ROM (Herbal Remedies), 2003 MedPharm
  • Ulrike Weber-Fina: Phyto-Steckbrief Buchweizen. In: PTA heute, Nr. 12, Juni 2016, S. 94–95.

Autor: Sandra Göbel

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Ratgeber

Lippenherpes lässt sich bezwingen

Lippenherpes lässt sich bezwingen

Mit Creme, Patch oder Hitze

Lippenherpes juckt, schmerzt und ist mit seinen gelblichen Krusten alles andere als eine Zierde. Häufig taucht er gerade dann auf, wenn man ihn am allerwenigstens gebrauchen kann. Zum Glück gibt es gegen die üblen Fieberbläschen inzwischen viele Gegenmittel. Wer sie frühzeitig einsetzt, hat gute Chance, den Herpes im Zaum zu halten.

Lebenslange Untermieter

Herpes-simplex-Viren (HSV) sind weit verbreitet. Am häufigsten kommt der Typ HSV-1 vor: Neun von zehn Erwachsenen tragen ihn in sich. Die meisten stecken sich damit schon in der frühen Kindheit an. Das Virus gelangt dabei über Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Nasensekrete zunächst auf die Schleimhaut oder wird eingeatmet. Von dort erreicht es dann die Blutbahn. Nach dieser ersten, oft unbemerkten Infektion ziehen sich die Viren in bestimmte Nervenzellen (Ganglienzellen) zurück und bleiben lebenslang im Körper. Werden die „schlafenden“ Viren allerdings durch Stress oder andere Faktoren reaktiviert, wandern sie die Nervenbahnen entlang und lösen Geschwüre und Bläschen an der Haut aus.

Besonders häufig sitzen die Herpesviren in den Ganglienzellen des Nervus trigeminus. Dieser innerviert die Gesichtshaut, die Lippen und die Mundschleimhaut. Werden die Viren reaktiviert, kommt es in diesen Gebieten zu Symptomen. Am allerhäufigsten betroffen sind dabei die Lippen und der Bereich um den Mund herum. Im Volksmund nennt man die dann auftretenden kleinen schmerzhaften Geschwüre Fieberbläschen. Fachleute sprechen von einem Herpes labialis, wenn er an den Lippen oder im Mund sitzt, vom Herpes nasalis, wenn er die Nase befällt.

Fieberbläschen kündigen sich oft durch Brennen, Kribbeln oder Jucken an. Innerhalb weniger Stunden blüht der Herpes auf: Es entwickelt sich ein münzgroßer, geröteter Herd mit kleinen Blasen. Diese sind prall gefüllt mit HSV. Nach wenigen Tagen platzen sie und trocknen schließlich aus. Dabei bilden sich höchst schmerzhafte Krusten. Nach acht bis zehn Tagen ist die Wunde abgeheilt, und die Haut sieht wieder so aus wie vorher. Dummerweise bleibt es meist nicht bei der einen Attacke. Bei vielen Menschen, die das HSV in sich tragen, kommt das Fieberbläschen immer wieder. Oft an der gleichen Stelle, manchmal auch in anderen Bereichen des Mundes oder an der Nase.

In manchen Fällen bleibt es bei der Reaktivierung nicht beim harmlosen Fieberbläschen. Vor allem bei immungeschwächten Patient*innen und Neugeborenen drohen Komplikationen. Das Virus kann sich im gesamten Körper ausbreiten und das zentrale Nervensystem, die Lunge und die Leber infizieren. Atemnot, Fieber und Krampfanfälle sind nur einige der lebensbedrohlichen Folgen.

Hinweis: Manchmal kommt es durch die Reaktivierung von HSV-1 zu einer Augeninfektion. Dabei sind v.a. die Hornhaut und die Bindehaut betroffen. Bemerkbar macht sich der Augenherpes durch Rötung, Schmerzen, Juckreiz und Fremdkörpergefühl im Auge.

Was HSV aus seiner Zelle lockt

Fast alle Menschen sind mit HSV-1 infiziert. Doch nicht alle leiden unter Fieberbläschen. Das liegt daran, dass das Virus reaktiviert werden muss, bevor es aus den Nervenzellen auswandert und an der Haut zu Beschwerden führt. Provokationsfaktoren oder Trigger gibt es zahlreiche:

  • UV-Strahlung der Sonne (eine andere Bezeichnung für den Herpes labialis ist auch der „Gletscherbrand“ durch starke UV-Strahlen im Gebirge)
  • Fieber und Infektionskrankheiten
  • Hormonumstellungen (z.B. bei der Menstruation)
  • psychische Faktoren wie Stress, Ekel oder Traumata

Hinweis: Wer sehr häufig oder jeweils sehr lange unter Fieberbläschen leidet, sollte dies ärztlich abklären lassen. Dahinter kann eine Immunschwäche stecken.

Beschwerden mit Cremes und Gelen lindern

Das traditionelle Fieberbläschen ist nicht gefährlich, aber überaus lästig. Zum Glück gibt es inzwischen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Besonders häufig werden spezielle Cremes eingesetzt.

Antivirale Cremes. Diese Cremes enthalten ein Virostatikum, das die Vermehrung der Viren stoppt. Trägt man sie schon beim ersten Kribbeln auf, bilden sich manchmal erst gar keine Bläschen aus. Ansonsten kann der Wirkstoff helfen, dass das Bläschen schneller abheilt und weniger schmerzt. Die Cremes sollten so früh wie möglich und dann alle drei bis vier Stunden eingesetzt werden. Für das Virostatikum Aciclovir gibt es keine Alterseinschränkung. Penciclovir darf erst ab einem Alter von zwölf Jahren angewendet werden. Aciclovir steht auch in Kombination mit antientzündlichem Hydrokortison zur Verfügung. Die Kombination soll die Symptome schneller lindern und die Wundheilung beschleunigen.

Zink. Zink soll auf Herpesviren ebenfalls einen hemmenden Effekt ausüben. Es wird für die virale Bläschenphase und die Zeit der Heilung empfohlen. Speziell für den Lippenherpes hergestellte Gele mit Zinksulfat-Heptahydrat sind in der Apotheke erhältlich.

Pflanzliche Salben. Melissenöl, Teebaumöl und Pfefferminzöl sind im Labor antiherpetisch wirksam, andere Pflanzeninhaltsstoffe haben desinfizierende Eigenschaften. Für den Lippenherpes gibt es spezielle Mixturen, z. B. Rephaderm mit Rosmarin-, Myrrhen- und Wermutkrautextrakten. Der Mikroalgenaktivstoff Spirulina-platensis-Extrakt (z.B. in Spiralin oder Ilon Lippencreme) soll das Eindringen und Anhaften von HSV in die Hautzellen verhindern. Dadurch kann er im Akutfall verhindern, dass das Bläschen weiter aufblüht. Auch vorbeugend soll Spirulina herpesanfällige Lippen schützen können. Außerdem reduziert der Algenwirkstoff die Krustenbildung und fördert die Abheilung.

Hinweis: Bei den Virostatika kommt es auch auf die Salbengrundlage an. So dringt Studien zufolge Aciclovir besonders gut in die Schleimhaut ein, wenn es mit einem Anteil von 40% Propylenglykol zubereitet ist.

Pflaster und Lippenstift

Statt Cremes lässt sich der Lippenherpes auch mit speziellen Pflastern oder Patches behandeln. Sie fördern durch Hydrokolloide die Wundheilung und reduzieren die Krustenbildung. Dabei sind sie auch ohne Wirkstoff etwa ebenso effektiv wie virostatische Cremes. Die Pflaster haben durchaus Vorteile: Sie schützen vor Infektionen und Weiterverbreitung der Viren. Außerdem lassen sie sich gut überschminken, d.h. das Fieberbläschen fällt weniger stark auf. Die Patches sollen 24 h auf der Läsion verbleiben. Beim Austausch lösen sich die Krusten mit ab – was allerdings recht schmerzhaft sein kann.

Ein weiteres Therapieprinzip ist Hitze. HSV sind wärmeempfindlich und lassen sich deshalb mit speziellen elektrischen Lippenstiften bekämpfen. Ab dem ersten Kribbeln soll man das Gerät stündlich für drei Sekunden auf die betroffene Stelle aufsetzen. Kribbelt es weiter, kann man die Behandlung nach zwei Minuten insgesamt fünf Mal pro Stunde wiederholen. Offene Bläschen oder verletzte Haut dürfen damit allerdings nicht behandelt werden. Außerdem muss die Haut frei von Cremes und trocken sein. Um eine Virenübertragung zu vermeiden, sollte der elektrische Stift nur von einer Person verwendet werden.

Tipp: Für ihre Vermehrung brauchen Herpesviren die Aminosäure L-Arginin. Nimmt man deren Gegenspieler L-Lysin ein, kann das die Abheilung unterstützen. L-Lysin ist in verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln (Kapseln oder Kautabletten) enthalten.

Allgemeine Maßnahmen verhindern die Ansteckung

Egal wie man seinen Lippenherpes behandelt: Auf jeden Fall sollte man dafür sorgen, dass man andere nicht infiziert. Denn die Flüssigkeit in den Bläschen ist prall gefüllt mit Viren. Hygiene ist bei einem akuten Lippenherpes deshalb oberstes Gebot. Das bedeutet:

  • Hände regelmäßig waschen und desinfizieren.
  • Bläschen nicht berühren oder öffnen. Cremes und Gele am besten mit einem Wattestäbchen auftragen.
  • Körperkontakt mit Kindern und Schwangeren meiden.
  • Läsionen mit einem Herpespatch oder Pflaster abdecken.
  • Als Kontaktlinsenträger mit aktivem Lippenherpes lieber eine Brille tragen, um die Viren nicht in die Augen zu verschleppen.
  • Nach dem Abheilen Zahnbürsten austauschen.

In manchen Fällen kann man dem wiederkehrenden Lippenherpes vorbeugen. Dazu muss man allerdings die Faktoren kennen, die das Aufblühen triggern. Ist Sonne der Auslöser, hilft Sonnenschutz – vor allem ein Lippenstift mit hohem Lichtschutzfaktor. Auch Kälte und trockene Luft kann HSV aufwecken. Deshalb sollte man im Winter die Lippen gut pflegen und draußen mit einem Schal oder Rollkragen vor eisigen Temperaturen schützen. Bei stressbedingtem Herpes können Entspannungstherapien zu einer besseren Stresskontrolle führen. Infektionen vermeidet man, indem man die empfohlenen Impfungen wahrnimmt und vor allem in der Erkältungszeit die Gebote der Hygiene beachtet.

Tipp: Wenn der Lippenherpes regelmäßig aufblüht, sollte man darüber Buch führen. Dadurch lassen sich die triggernden Faktoren leichter herausfinden.

Virostatika innerlich

In manchen Fällen müssen virostatische Medikamente auch innerlich eingesetzt werden. Dass ist z.B. der Fall, wenn schwere Verläufe drohen – wie bei Patient*innen mit Immunerkrankungen oder bei Neugeborenen. Meist verabreichen die Ärzt*innen den Wirkstoff dann über die Vene. Vor Zahnoperationen oder Schönheitsoperationen im Gesicht empfehlen Ärzt*innen oft die Einnahme von Aciclovir-Tabletten, um das Aufblühen von Läsionen zu verhindern. Bei immungeschwächten Menschen, die häufig Rezidive erleiden, wird zur Vorbeugung manchmal auch zu einer Langzeittherapie mit Valaciclovir oder Aciclovir in Tablettenform geraten.

Quelle: DAZ 2023, 26: 30

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / BSIP / Chassenet
Der Erkältung eins husten
Ausreichend Tee zu trinken und sich warm zu halten gehört zu den Basismaßnahmen bei Erkältungskrankheiten.

Der Erkältung eins husten

Mit Thymian, Myrte, Rosmarin

In der Erkältungszeit machen Husten, Schnupfen und Heiserkeit vor kaum jemandem halt. Zum Glück muss man nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen: Pflanzentherapeutika und Hausmittel können beim grippalen Infekt die Beschwerden gut lindern.

Grippaler Infekt oder Grippe?

In Herbst und Winter leiden Millionen von Deutschen an akuten Atemwegserkrankungen. Ein Teil davon geht mittlerweile auf eine Infektion mit dem Coronavirus zurück. Das Robert Koch-Institut schätzt allerdings, dass der Löwenanteil an Erkältungen von Influenzaviren, Rhinoviren und respiratorischen Synzytialviren (RSV) verursacht wird.

Der typische „grippale Infekt“ beginnt mit Halsschmerzen und Schnupfen, oft schmerzen auch Kopf und Glieder. Es kommt zu Husten mit zunehmendem Auswurf, die ganze Sache dauert etwa eineinhalb Wochen. Dahinter stecken insbesondere Rhinoviren oder RSV. Eine Erkältung oder ein grippaler Infekt lässt sich recht gut in Eigenregie mit Hausmitteln oder Hilfe aus der Apotheke behandeln.

Die echte Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Dabei entwickelt sich meist schnell hohes Fieber und Reizhusten, die Lymphknoten schwellen an und die Betroffenen fühlen sich sehr krank. Zu ganz ähnlichen Beschwerden kommt es auch bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV2 und bakteriellen Infektionen. In all diesen Fällen ist es wichtig, die Ärzt*in aufzusuchen.

Hinweis: Alte Menschen, Immungeschwächte und Schwangere sollten sich bei einer starken Erkältung nicht selbst therapieren. Um Komplikationen zu vermeiden, ist es besser, frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Immunsystem stärken

Beim grippalen Infekt möchten viele Patient*innen ihr Immunsystem mit Pflanzenmedizin unterstützen. Angeboten werden dafür vor allem Pelargonium sidoides, Echinacea und Kapuzinerkresse plus Meerrettich.

Pelargonium-sidoides-Extrakt (z B. in Umckaloabo® oder Pelargonium-ratiopharm® Bronchialtropfen) ist ein besonders gut untersuchtes pflanzliches Heilmittel. Eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass der Extrakt grippale Beschwerden lindert - die Patient*innen hören z.B. früher auf zu husten. Auch die allgemeineErkrankungsdauer soll sich um einige Tage verkürzen. Allerdings gibt es Hinweise, dass Pelargonium sidoides die Leber schädigen könnte. Leberkranke dürfen den Extrakt deshalb nicht einnehmen. Im Zweifel fragt man dazu seine Ärzt*in.

Der Extrakt aus dem Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea, z.B. in Esberitox®) soll Erkältungen vorbeugen sowie entsprechende Beschwerden lindern. Die Studienergebnisse dazu sind allerdings widersprüchlich. Am ehesten scheint der Sonnenhut bei frühzeitiger Einnahme zu wirken.

Ebenfalls eingesetzt werden Extrakte aus Kapuzinerkresse und Meerrettich (z.B. Angocin®). Sie wirken eher vorbeugend: In einer Untersuchung erkrankten Teilnehmende, die den Extrakt einnahmen, seltener an Atemwegsinfektionen. Wurden sie dennoch davon erwischt, hatte der Extrakt keinen Einfluss auf Dauer und Schwere der Erkrankung.

Hinweis: Am besten kauft man diese Extrakte in einer Apotheke. Dort kann man sicher sein, ein geprüftes Präparat zu erhalten. Zudem bekommt man eine ausführliche Beratung.

Allgemeine Maßnahmen sind die Basis

Neben pflanzlicher Unterstützung helfen bei einer Erkältung vor allem auch allgemeine Maßnahmen. Wenn das Immunsystem gegen Erreger kämpft, ist es gut, sich zu schonen und dem Körper Ruhe zu gönnen. Bei leichtem Fieber helfen zudem kühle Wadenwickel. Im frühen Stadium einer Erkältung sind warme Fußbäder angenehm. Außerdem sollte man auf eine ausreichende Luftfeuchtigkeit achten, damit die Schleimhäute feucht bleiben und Krankheiterreger gut abtransportieren werden können. Besteht kein Fieber, sind Erkältungsbäder mit Extrakten aus Rosmarin und Eukalyptus für viele eine Wohltat. Bei Fieber sollte man auf warme Bäder besser verzichten, um den Kreislauf nicht zu belasten.

Für die Abwehr von Erregern braucht das Immunsystem sehr viel Energie. Auch wenn man sich schwach fühlt, sollte man ausreichend Kalorien zu sich nehmen. Um das Verdauungssystem nicht zu belasten, bietet sich leichte Kost an. Immer empfehlenswert ist die Gemüsebrühe, ansonsten gilt Tee als  ideal. Beides ersetzt auch die Flüssigkeit, die durch Schwitzen und vermehrte Nasensekrete verloren geht.

Manche schwören bei den ersten Anzeichen einer Erkältung auch auf eine Schwitzkur. Sie soll dafür sorgen, dass die Erreger möglichst schnell wieder ausgeschieden werden. Das funktioniert so:

  • Bequemen Jogginganzug anziehen, Mütze aufsetzen.
  • Gemütlich auf einem Sessel Platz nehmen und die Füße in ein warmes Fußbad stellen.
  • Währenddessen einen Schwitzkur-Tee trinken. Das Rezept dafür lautet: Jeweils 30 g Holunder- und Lindenblüten, 20 g Mädesüßblüten und 20 g Hagebuttenfrüchte mischen. Einen Esslöffel davon mit 150 ml heißem Wasser übergießen, ziehen lassen und trinken. Drei- bis viermal täglich wiederholen.
  • Füße abtrocknen, schweißnasse Kleidung wechseln, ins Bett legen und schlafen.

Hinweis: Vorsicht, eine Schwitzkur belastet den Kreislauf stark. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten deshalb lieber darauf verzichten.

Halsschmerzen lindern

Erkältungskrankheiten und grippale Effekte beginnen fast immer mit Halsschmerzen. Schon einfache Lutschbonbons (bitte ohne Zucker!) lindern die Qual, weil sie die Speichelproduktion anregen. Nachgewiesenermaßen schmerzstillend wirken Salbei und Thymian. Sie gibt es in der Apotheke als Lutschbonbons und als Spray. Ebenfalls hilfreich für gestresste Rachen sind Primelwurzeln (z.B. in Ipalat®), Spitzwegerich (z.B. in Tetesept® Reizhusten & Hals Lutschtabletten) und isländisches Moos (z.B. in Isla Moos®, Neoangin Junior® und Aspecton®).

Eine Alternative zu Bonbons und Spray ist Tee. Dazu übergießt man einen Esslöffel getrocknete Salbeiblätter mit kochendem Wasser. Den Sud zehn Minuten zugedeckt ziehen lassen, danach durch ein Sieb gießen und einmal pro Stunde damit gurgeln.

Nicht pflanzlich, aber ebenfalls natürlich ist außerdem der Quarkwickel. Dafür streicht man etwa 250 g zimmerwarmen Quark auf ein Leinentuch auf und legt dies abends mit der Quarkseite auf den Hals. Darüber kommt ein trockenes Tuch. Der Wickel bleibt über Nacht liegen und wird morgens abgenommen.

Hinweis: Am besten ist es, Tee und Lutschbonbons zu kombinieren. So wird der Schmerz im Hals gemildert und der Körper erhält ausreichend Flüssigkeit.

Nase frei ist oberstes Gebot

Neun von zehn Betroffenen mit grippalem Infekt leiden unter Schnupfen mit Niesreiz, Naselaufen und verstopfter Nase. Bei starker Ausprägung sind nicht-pflanzliche abschwellende Nasensprays aus der Apotheke die wichtigste Maßnahme, damit das Sekret abläuft und sich die ganze Sache nicht zu einer schweren Nebenhöhlenentzündung auswächst. Damit die Nasenschleimhaut nicht leidet, dürfen abschwellende Nasentropfen nur wenige Tage lang angewendet werden.

Pflanzenmedizin kann bei der Befreiung der Nase durchaus unterstützend wirken. So soll ein Extrakt aus Ampfer, gelbem Enzian, Holunder, Eisenkraut und Schlüsselblume (z.B. BNO1016 in Sinupret®) die Dauer einer Rhinosinusitis (das ist die Infektion von Nasenhöhle und Nasennebenhöhle) um vier Tage reduzieren. Auch Eukalyptus-Extrakte (z.B. in Gelomyrtol forte® oder Soledum®) sind hilfreich. Sie beschleunigten bei Patient*innen mit Rhinosinusitis, die Antibiotika bekamen, die Linderung der Beschwerden und die Heilung.

Direkt in Nase und Nebenhöhlen wirken Inhalationen mit Wasserdampf. Dazu füllt man heißes Wasser in eine Schüssel, beugt den Kopf darüber und atmet die Dämpfe ein. Noch einfacher geht es mit speziellen, in der Apotheke erhältlichen Inhaliergefäßen. Je nach Vorliebe fügt man dem heißen Wasser Kamillenblüten oder ätherische Öle aus Pfefferminze, Eukalyptus oder Latschenkiefer hinzu. Vorsicht geboten ist bei Asthma oder Keuchhusten. In diesen Fällen kann es durch das Inhalieren ätherischer Öle zu Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur und Atemnot kommen.

Etwas unangenehm, aber wirksam sind zudem Nasenspülungen mit Kochsalzlösung. Dazu verwendet man entweder eine professionelle Nasendusche. Oder man zieht die Lösung durch die Nase und spuckt sie durch den Mund wieder aus.

Hinweis: Nasennebenhöhlenentzündungen können sich auch in das Gehirn ausbreiten. Wichtige Alarmsignale dafür sind starke Kopfschmerzen, Veränderungen beim Sehen und eine Lidschwellung.

Dem Husten eins husten

Im Verlauf eines grippalen Infekts kommt es eher spät zu Husten. Meist handelt es sich zunächst um trockenen Reizhusten, Auswurf entwickelt sich erst im Verlauf. Gegen trockenen Husten hilft folgende Teerezeptur:

  • 15 g Anisfrüchte, 25 g Süßholzwurzel, 25 g Eibischwurzel und 35 g Eibischblätter vermischen,
  • zwei Esslöffel der Teemischung mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen,
  • 10 bis 15 Minuten ziehen lassen und abseihen.
  • 3 – 4 Mal täglich eine Tasse davon trinken.

Außerdem empfohlen werden bei Reizhusten schleimhaltige pflanzliche Arzneimittel zum Lutschen. Dazu gehören Spitzwegerich in Broncho-Sern®, Eibisch in Silomat® oder die Königskerze (z. B. Antall®). Beim produktiven Husten unterstützen Pflanzentherapeutika das Lösen der Sekrete. Eingesetzt werden vor allem Eukalyptus (z.B. in Gelomyrtol forte®), Primel (z.B. in Bronchicum®) oder Myrte (z.B. Myrtol®).

Efeublätter-Trockenextrakte wie Prospan® lösen und lindern Husten ebenfalls. Ihre Wirkung ist allerdings gering, wie eine Metaanalyse ergab. Dafür hat Efeu eine leichte bronchospasmolytische Wirkung, d.h. es entspannt die Atemwege. Dieser Effekt ist bei Patient*innen mit begleitendem Asthma oder einer chronisch-obstruktiven Pulmonalerkrankung (COPD) günstig.

Hildegard von Bingen schwörte übrigens bei Keuchhusten auf echten Thymian als Hustenstiller. Tatsächlich konnte Thymian in Kombination mit Efeu-Extrakt in einer kontrollierten Studie die Häufigkeit und Dauer von Husten bei Bronchitis lindern. Hinweis: Husten, der länger als acht bis zehn Tage anhält, sollte ärztlich abgeklärt werden. Denn dahinter könnte auch ein Asthma, eine Herzschwäche oder die Nebenwirkung einer Medikamententherapie stecken.

Quelle: Penzel M, DAZ 2022; 50:1-15, Beer AM, MMW 2016:21-22:158

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / Westend61 / Svetlana Karner
Gezielt gegen Blasenschwäche
Bei einer Blasenschwäche ist nicht nur der erhöhte Wäscheaufwand ein Problem für die Betroffenen.

Gezielt gegen Blasenschwäche

Mit Training und Medikamenten

Immer noch ein Tabu, aber weit verbreitet: Unter einer Blasenschwäche leiden in Deutschland Millionen von Frauen und Männern. Gegen den unwillkürlichen Urinverlust helfen allgemeine Maßnahmen und das Trainieren von Blase und Beckenboden. Reicht das nicht aus, kommen Medikamente ins Spiel.

Eingeschränkte Lebensqualität

Blasenschwäche (Harninkontinenz) ist die Unfähigkeit, den Urin in der Harnblase zu halten. Es kommt stattdessen zu unkontrolliertem Urinverlust, entweder tröpfchenweise oder auch im Schwall. Darunter leiden viele Menschen. Bei den 40- bis 60-Jährigen ist jede Zehnte betroffen, bei den Über-60-Jährigen jede Vierte.

Ob jünger oder älter – eine Blasenschwäche ist immer sehr belastend. Je nach Ausmaß wird die Lebensqualität durch die Inkontinenz stark eingeschränkt. Weil sie sich schämen, gehen viele Menschen trotz ihrer Beschwerden nicht zur Ärzt*in. Dabei ist es wichtig, eine Blasenschwäche zu behandeln. Denn nicht nur die psychischen Folgen wie Depressionen und Vereinsamung sind erheblich. Es drohen Hautentzündungen im Intimbereich und wiederkehrende Harnwegsinfektionen bis hin zum Nierenschaden. Zudem fallen alte Menschen mit Blasenschwäche häufiger hin, weil sie die Toilette schnell erreichen wollen. Solche Stürze enden oft mit einer fatalen Oberschenkelhalsfraktur.

Hinweis: Frauen leider öfter an Blasenschwäche als Männer. Ihr Beckenboden ist dehnbarer und hat mehr Durchgänge als der männliche Beckenboden. Außerdem wird der Blasenverschluss beim Mann durch die unter der Blase liegende Prostata unterstützt.

Welche Blasenschwäche ist es?

Blasenschwäche ist nicht gleich Blasenschwäche. Um die Beschwerden zu dokumentieren und besser interpretieren zu können, ist ein Blasentagebuch hilfreich. Darin hält man täglich fest, wieviel man trinkt und wie häufig man auf die Toilette muss. Wenn möglich, misst man auch die Menge des täglich ausgeschiedenen Urins. Mithilfe dieser Informationen kann die Ärzt*in die Blasenschwäche meist gut einordnen.

Belastungsinkontinenz. Jede zweite Frau mit Blasenschwäche leidet an einer Belastungsinkontinenz (früher auch Stressinkontinenz genannt). Dabei verliert die Betroffene Urin, ohne dass sie vorher einen Harndrang bemerkt hat. Der muskuläre Verschluss am Ausgang der Blase funktioniert nicht mehr gut, etwa weil die Beckenbodenmuskulatur schwach ist oder die Beckenbänder geschädigt sind. Dann genügt schon ein kleiner Druckanstieg in der Blase und die Betroffene verliert Urin. Der Druck in der Blase steigt an, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Dazu kommt es schon bei ganz normalen körperlichen Beanspruchungen wie Husten, Niesen oder dem Heben schwerer Gegenstände. Begünstigt wird die Belastungsinkontinenz durch eine Gebärmuttersenkung und Übergewicht.

Dranginkontinenz. Bei der Dranginkontinenz muss die Betroffene plötzlich ganz dringend auf die Toilette, ohne dass die Blase richtig gefüllt ist. Wer nicht schnell genug ist, verliert kleine Tropfen Urin, manchmal aber auch einen ganzen Schwall. Das passiert sowohl tagsüber als auch nachts. Auslöser ist eine Störung in der Blasenwandmuskulatur, z.B. durch Entzündungen, Blasensteine oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Beim Mann kommt als Ursache auch eine Prostatavergrößerung in Frage.

Mischinkontinenz. Hier leiden die Betroffenen unter beiden Formen der Blasenschwäche. Sie haben wie bei einer Dranginkontinenz auch bei nicht gefüllter Blase Harndrang und ungewollten Urinverlust. Außerdem verlieren sie Urin bei körperlicher Beanspruchung.

Überaktive Blase. Bei dieser Blasenschwäche zieht sich der Muskel am Blasenausgang immer wieder zusammen und lässt dann wieder los. Das Phänomen ist nervenbedingt oder psychisch. Die Patient*innen leiden unter sehr starkem, manchmal sogar schmerzhaftem Harndrang, der sie mehr als acht Mal täglich und auch nachts zur Toilette zwingt. Solange der Beckenboden noch funktioniert, können die Betroffenen den Urin aber noch willkürlich zurückhalten.

Daneben gibt es weitere Formen der Blasenschwäche. Befindet sich z.B. am Blasenausgang ein Tumor oder Blasenstein, entleert sich die Blase beim Wasserlassen nicht komplett. Es bleibt Urin in der Blase, d.h. die Menge an sog. Restharn steigt an. Die Blase ist überfüllt und kann überlaufen. Patient*innen haben meist einen dauerhaften Harndrang und verlieren ständig kleine Mengen an Urin. Andere Ursachen für Blasenschwäche sind Nervenerkrankungen wie z.B. die Querschnittlähmung. Dabei lösen Reflexe (etwa bei gefüllter Blase) das Pinkeln aus. Man spricht dann von einer Reflexinkontinenz.

Ist die Form der Blasenschwäche erkannt, wird nach der Ursache gesucht. Je nach Verdachtsdiagnose kommen spezielle Untersuchungen zum Einsatz. Dazu gehören z.B. die Restharnbestimmung und die Urinanalyse, z.T. auch Blutuntersuchungen zur Überprüfung der Nierenfunktion. Bei Frauen ist eine gynäkologische Untersuchung empfehlenswert, da Veränderungen im Becken häufig eine Blasenschwäche auslösen oder verstärken. Beim Mann ist die Untersuchung der Prostata obligat. In manchen Fällen sind auch Ultraschalluntersuchungen oder eine Blasenspiegelung nötig.

Was gegen die Blasenschwäche hilft

Liegt der Harninkontinenz eine Erkrankung zugrunde, wird diese entsprechend therapiert. Dies ist zum Beispiel bei der Prostatavergrößerung oder bei Blasensteinen der Fall. Häufig gibt es aber keine behandelbare Ursache. In diesen Fällen geht man den ungewollten Urinverlust in Stufen an. Basis sind folgende Allgemeinmaßnahmen:

  • Koffeinkonsum reduzieren. Kaffee, Cola und schwarzer Tee haben aufgrund des Koffeins eine ausschwemmende Wirkung. Bei manchen Betroffenen wird die Blasenschwäche besser, wenn sie diese Genussmittel vermeiden.
  • Übergewicht verringern. Zu viele Kilos erhöhen den Druck im Bauch und folglich auch den Druck auf die Blase. Abnehmen bessert deshalb vor allem die Belastungsinkontinenz.
  • Verstopfung behandeln. Starkes Pressen beim Stuhlgang belastet die Beckenbodenmuskulatur und schwächt diese auf Dauer.
  • Flüssigkeitszufuhr kontrollieren. Vor allem bei der überaktiven Blase kann es helfen, etwas weniger zu trinken. Aber Vorsicht, diese Maßnahme sollte man immer mit der Ärzt*in besprechen. Auf keinen Fall darf man aufgrund seiner Blasenschwäche eine Austrocknung (Dehydrataion) riskieren.
  • Mehr bewegen. Spazierengehen und auch Hausarbeit sind besser als Herumsitzen und Schonen. Denn auch moderate körperliche Bewegung stärkt den Beckenboden.
  • Ungünstige körperliche Belastungen vermeiden. Schweres Heben schadet dem Beckenboden, ebenso sind manche Sportarten ungünstig. Dazu gehören z.B. Trampolinspringen oder Crossfit-Training.
  • Rauchen aufgeben. Raucherhusten geht oft mit einer Belastungsinkontinenz einher.

Tipp: Manche Medikamente verursachen oder fördern eine Harninkontinenz. Dazu gehören Anticholinergika zur Behandlung von Atemwegserkrankungen oder Parkinson, muskelentspannende Mittel, indirekte Parasympathikomimetika oder Beruhigungsmittel. Mit der Ärzt*in sollte besprochen werden, ob diese Arzneimittel reduziert oder ersetzt werden können.

Blase oder Beckenboden trainieren

Auch Training kann bei einer Blasenschwäche helfen. Gestärkt werden dabei je nach Form der Blasenschwäche entweder die Blase selbst oder der Beckenboden.

Das Blasentraining hilft besonders gegen die Dranginkontinenz. Es zielt darauf ab, die Zeiträume zwischen den Toilettengängen zu verlängern. Zunächst versucht die Betroffene, nicht gleich beim ersten Anzeichen eines Harndrangs zur Toilette zu gehen. Schritt für Schritt wird der Gang zur Toilette immer länger verzögert. Hilfreich dabei sind Entspannungsübungen. Auf diese Weise vergrößert sich das Aufnahmevolumen der Blase, der Harndrang wird geringer und das Wasserlassen besser kontrolliert.

Intensives Beckenbodentraining ist dagegen die passende Maßnahme für eine Belastungsinkontinenz. Diese Übungen erlernt man am besten in einer Physiotherapie. Spüren Betroffene mit Belastungsinkontinenz ihre Beckenbodenmuskulatur nicht, kann die Elektrostimulation helfen. Dazu verschreibt die Ärzt*in spezielle Geräte, die über die Scheide oder den Dammbereich elektrische Impulse abgeben.

Tipp: In die Scheide eingelegte Pessare stabilisieren die Harnröhre von innen. Sie helfen besonders bei unwillkürlichem Urinverlust durch körperliche Belastungen im Rahmen einer Belastungsinkontinenz.

Medikamente gegen Urinverlust

Wenn allgemeine Maßnahmen und Training nicht zum erwünschten Erfolg führen, sind stärkere Geschütze geboten. Leider gibt es wenig Hilfe aus dem Reich der Pflanzen. Zwar werden zur Linderung der Beschwerden zahlreiche Extrakte angeboten. Klinische Studien mit eindeutigen Daten zur Wirksamkeit fehlen in den meisten Fällen. Für Kürbissamen gibt es aus einer Beobachtungsstudie mit 117 Betroffenen Hinweise, dass sie Frauen mit überaktiver Blase helfen können.

Anders sieht das mit synthetischen Arzneimitteln aus. Für die Dranginkontinenz und die überaktive Blase gelten Muskarinrezeptor-Antagonisten als effektive Option. Sie verringern spontane Mikrobewegungen in der Blasenwandmuskulatur und reduzieren den Harndrang. Allerdings blockieren die Wirkstoffe nicht nur die Muskarinrezeptoren in der Blase, sondern im gesamten Organismus. Deshalb haben diese Substanzen auch zahlreiche Nebenwirkungen. Dazu gehören u.a. Mundtrockenheit, Sehstörungen und Verstopfung. Oxybutynin führt bei älteren Menschen sogar zu Verwirrtheit und Denkstörungen, vor allem wenn es abgeschluckt wird.

Einige Muskarinrezeptor-Antagonisten (z.B. Tolterodin) sollen beinahe nur auf die Blase wirken und so weniger Nebenwirkungen auslösen. Letzteres gilt auch für Präparate, deren Wirkstoff verzögert freigesetzt wird, sog. retardierte Arzneistoffe.

Eine neue Therapieoption gegen Dranginkontinenz und eine überaktive Blase ist Mirabegron. Die Substanz bindet an Betarezeptoren in der Harnblasenmuskulatur und entspannt dadurch die Blase. Eingesetzt wird Mirabegron, wenn Muskarinrezeptor-Antagonisten nicht ausreichend wirken. Sie sind auch bei älteren Menschen geeignet, weil sie seltener Verwirrtheit oder Denkstörungen auslösen. Als Nebenwirkung ist allerdings eine Erhöhung des Blutdrucks zu beachten.

Ein Wirkstoff zur Behandlung der Belastungsinkontinenz ist das Antidepressivum Duloxetin, ein selektiver Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Es stärkt den Schließmuskel der Blase und erhöht ihr Fassungsvermögen. Dadurch kommt es seltener zu unwillkürlichem Urinverlust. Das hat allerdings auch bei Duloxetin seinen Preis: Typisch sind Nebenwirkungen im Verdauungstrakt wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung. Vor allem bei psychisch nicht gesunden Menschen soll der Wirkstoff aber auch vermehrt Angst und innere Unruhe auslösen.

Mit Operationen an die Blasenschwäche

Manchmal helfen auch Medikamente nicht ausreichend. Ist der Leidensdruck hoch, sind interventionelle oder operative Verfahren eine Option.

Interventionelle Verfahren. Bei der überaktiven Blase und bei der Dranginkontinenz kann die Ärzt*in den Wirkstoff Onabotulinumtoxin A in die Blase instillieren. Dadurch entspannt sich die Blasenmuskulatur und der Harndrang wird weniger. Die Wirkung setzt jedoch erst zwei Wochen nach dem Eingriff ein und hält nur einige Wochen bis Monate an. Eine weitere Option bei überaktiver Blase ist die sakrale Neuromodulation. Dabei wird eine Art Schrittmachers in die Blase eingesetzt. Dieser sendet sanfte elektrische Impulse an den Sakralnerv, der die Blase versorgt. Auf diese Weise lässt sich sowohl eine Überaktivität als auch eine Unteraktivität der Blasenmuskulatur kontrollieren.

Operationen. Die Belastungsinkontinenz kann auch relativ einfach mit einer Band- oder Schlingen-Operationen behandelt werden. Dabei wird das natürliche Band, das die Harnröhre in ihrer Position hält, durch ein künstliches Band verstärkt. Eine weitere Möglichkeit ist das Injizieren von Gel in den Bereich des Harnröhrenabgangs von der Blase. Es entsteht ein Polster, das den Blasenausgang besser verschließt. Manchmal empfehlen die Ärzt*innen auch das operative Anheben des Blasenhalses. Ist bei Männern eine vergrößerte Prostata die Ursache der Blasenschwäche, hilft deren komplette oder teilweise Entfernung.

Quelle: S2k-Leitlinie Harninkontinenz der Frau

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / Giuseppe Anello / Alamy / Alamy Stock Photos
Was hilft gegen niedrigen Blutdruck?
Bei einer Hypotonie liegen die Blutdruckwerte unter 100/60 mmHg.

Was hilft gegen niedrigen Blutdruck?

Kalte Füße, häufig Schwindel

Menschen mit niedrigem Blutdruck fühlen sich oft schlapp und müde, sie frieren leicht und leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten. Zum Glück steckt meist keine ernsthafte Erkrankung dahinter. Dann lässt sich dem niedrigen Blutdruck mit vielen einfachen Maßnahmen Beine machen. Reicht das nicht, gibt´s Hilfe aus der Apotheke.

Von Müdigkeit bis Krampfanfall

Von einem niedrigen Blutdruck oder einer Hypotonie spricht man, wenn der systolische Blutdruckwert unter 100 mmHg liegt. In den allermeisten Fällen hat das keinen Krankheitswert. Im Gegenteil: Menschen mit niedrigem Blutdruck weisen sogar eine etwas höhere Lebenserwartung auf als Menschen mit normalen Blutdruckwerten. Doch viele Betroffene leiden trotzdem unter ihrer Hypotonie, denn sie kann eine ganze Reihe von Beschwerden auslösen.

Durch die verringerte Durchblutung frieren hypotone Menschen häufiger. Oft fühlen sie sich müde, und ihre Konzentrationsfähigkeit kann eingeschränkt sein. Es drohen Benommenheit, Schwindelgefühle und Sehstörungen. Auch hinter Verwirrtheitszuständen kann ein zu niedriger Blutdruck stecken. Vor allem bei älteren Menschen kommt es blutdruckbedingt zu kurzer Bewusstlosigkeit (Synkope) und dadurch zu Stürzen, manchmal entstehen sogar Krampfanfälle. Typisch ist, dass körperliche Anstrengung oder Essen die Beschwerden verstärken. Das liegt daran, dass der ohnehin geschwächte Kreislauf dann primär die Muskeln oder den Verdauungstrakt versorgt und dadurch noch weniger Sauerstoff im Gehirn ankommt.

Hinweis: Eine chronische Hypotonie löst keinesfalls immer Symptome aus. Es gibt Menschen, deren Blutdruck konstant zu niedrig ist und die trotzdem keinerlei Beschwerden damit haben.

Sensibler Regelkreis

Den Blutdruck- bestimmen mehrere Faktoren. Dazu zählen die Kraft und die Anzahl der Schläge, mit der das Herz das Blut in die Hauptschlagader pumpt. Entscheidend ist auch, wie hoch der Widerstand der Gefäßwände ist. Herz und Gefäßmuskulatur werden durch einen komplexen Regelkreis über das autonome Nervensystem gesteuert. Dieser ist wiederum eng verbunden mit der für den Blutdruck wichtigen Regulierung des Flüssigkeitshaushalts. Befindet sich z.B. zu wenig Flüssigkeit – sprich Volumen – in den Gefäßen, halten Herz und Gefäßwände nur schwer den Druck im Blutkreislauf aufrecht.

Je nach Ursache unterscheidet man bei der Hypotonie verschiedene Formen.

  • Die primäre oder essenzielle Hypotonie betrifft vor allem Jugendliche und junge Frauen mit schlankem Körperbau und Ausdauersportler*innen. Ihr liegt vermutlich ein erniedrigter Sollwert im Kreislaufregulationszentrum zugrunde.
  • Als sekundäre Hypotonie werden diejenigen Formen des niedrigen Blutdrucks bezeichnet, die durch eine Krankheit, Flüssigkeitsmangel oder eine Medikamentennebenwirkung ausgelöst werden. Aufgrund der vielen für den Blutdruck relevanten Faktoren gibt es eine große Anzahl solcher Auslöser. Sie reichen von Herzerkrankungen (z.B. Herzinfarkt oder Herzschwäche) über hormonelle Störungen (Schilddrüsenunterfunktion, Nebennierenrindeninsuffizienz) bis zu Blutarmut oder mangelnder Flüssigkeitszufuhr.

Hinweis: Wer unter niedrigem Blutdruck leidet und regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte diese mithilfe der Hausärzt*in prüfen. Neben Entwässerungsmitteln und Wirkstoffen gegen Brustenge (Angina pectoris) können vor allem Antidepressiva und Schmerzmittel eine ungewollte Blutdrucksenkung auslösen. Vorsicht geboten ist auch bei der Einnahme von Phosphodiesterase-III-Hemmern, die in Potenzmitteln wie Sildenafil oder Vardenafil enthalten sind.

Orthostatische Dysregulation

Eine spezielle Form der Hypotonie ist die orthostatische Dysregulation. Im Gegensatz zur chronischen Hypotonie sind dabei die Blutdruckwerte nicht dauerhaft niedrig. Sie sinken nur beim Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen deutlich ab. Dabei „versackt“ das Blut in den Beinvenen, wodurch das Gehirn weniger durchblutet wird. Die Folge davon sind Schwindel, Sehstörungen, Kopf- und Nackenschmerzen. Typischerweise bessern sich die Beschwerden sofort, wenn sich die Betroffene wieder hinlegt.

Für dieses starke Absinken der Blutdruckwerte diskutieren Expert*innen verschiedene Ursachen. Zum einen kann das autonome Nervensystem geschädigt oder gestört sein, sodass bei einem Blutdruckabfall die schnelle Antwort der Gefäße und des Herzens ausbleibt. Auch eine Hypovolämie, also zu wenig Flüssigkeit in den Gefäßen, soll daran beteiligt sein.

Vor allem bei Jüngeren ist diese Form der Hypotonie oft konstitutionell bedingt. Schlanke und große Menschen sind deshalb häufiger davon betroffen, begünstigend wirken mangelndes körperliches Training und unzureichende Flüssigkeitszufuhr. Bei älteren Menschen wird die orthostatische Dysregulation oft ausgelöst durch

  • Medikamente (Hochdruckmittel, Entwässerungsmittel, Neuroleptika, Parkinsonmittel, Antidepressiva)
  • Volumenmangel in den Gefäßen, z.B. durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr, Flüssigkeitsverluste über Durchfall oder Blutungen (z.B. Darmblutungen) und Nierenerkrankung
  • Herzerkrankungen wie Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, koronare Herzkrankheit
  • Hormonstörungen

Hinweis: Die orthostatische Dysregulation tritt in jedem Lebensalter auf. Bei Menschen über 65 Jahren ist sie jedoch besonders häufig, jede Vierte soll davon betroffen sein.

Niedrigen Blutdruck abklären lassen

In den meisten Fällen hat ein niedriger Blutdruck keine ernste Ursache. Trotzdem sollte man mit der Hausärzt*in klären, ob vielleicht weitere Untersuchungen sinnvoll sind. Die Basisuntersuchung ist die normale Blutdruckmessung. Daneben zeigt eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, wie es sich mit dem Druck im Tages- und Nachtverlauf verhält. Mithilfe des EKGs kommt man Herzrhythmusstörungen auf die Spur, mittels Ultraschall des Herzens (Echokardiographie) lässt sich die Pumpkraft des Herzens prüfen.

Zwei Tests helfen bei der Diagnose der orthostatischen Hypotonie. Beim aktiven Stehtest (Schellong-Test) misst man Puls und Blutdruck zwei Minuten im Liegen. Dann wird die Patient*in aufgefordert, sich hinzustellen. Dabei misst man sofort und alle 60 Sekunden Puls und Blutdruck über mindestens drei Minuten. Sinkt der systolische Wert um mehr 20 mmHg und/oder der diastolische um mehr als 10 mmHg, liegt eine orthostatische Dysregulation vor. Steigt der Puls durch den Blutdruckabfall stark an, handelt es sich um eine sympathikotone Variante, bei der es häufiger zu Synkopen (Ohnmachtsanfällen) kommt. Bei der klassischen Variante bleibt der Anstieg der Herzfrequenz aus.

Der Kipptisch-Test wird mangels passender Ausrüstung meist nur in Herzpraxen durchgeführt. Dabei liegt die Patient*in zehn Minuten angeschnallt auf einer speziellen Liege, die dann in eine Position von 60 bis 80 Grad aufgerichtet (gekippt) wird. Diese Untersuchung wird vor allem bei unklaren Bewusstlosigkeitsanfällen (Synkopen) eingesetzt, wenn andere Verfahren (EKG, Herz-Echo, Blutdruckmessung, Steh-Test) keine eindeutigen Ergebnisse erbracht haben.

Dem Blutdruck Beine machen

Bei einer sekundären Hypotonie steht als erstes die Behandlung der auslösenden Ursache an, z.B. der Ausgleich eines Hormonmangels oder die Therapie einer Herzschwäche. Liegt keine behandlungsbedürftige Erkrankung vor, helfen oft einfache Maßnahmen gegen die Beschwerden:

Auslöser meiden. Treten die Symptome in bestimmten Situationen auf, gilt es, diese zu meiden. Dazu gehören beispielsweise ein langer Aufenthalt in schwüler Hitze oder zu langes Stehen. Ausreichend Flüssigkeit. Menschen mit einer Hypotonie müssen viel trinken. In der Regel heißt das (nach Rücksprache mit der Ärzt*in) zwei bis drei Liter pro Tag.

Häufig und salzreich essen. Mit mehreren kleinen, leichten Mahlzeiten über den Tag verteilt verringert man die Blutumverteilung in den Verdauungstrakt nach der Nahrungsaufnahme. Hypotoniker*innen sollten zudem salzreich essen, weil Salz Flüssigkeit in die Gefäße „zieht“. Häufig werden täglich 5 bis 10 g Kochsalz empfohlen. Wieviel Salz individuell ratsam ist, sollte unbedingt mit der Hausärzt*in besprochen werden. Zusätzlich ist es günstig, natriumreiches Trinkwasser zu wählen.

Auf Alkohol verzichten. Alkohol erweitert die Gefäße und senkt dadurch akut den Blutdruck. Wer zu Hypotonie neigt, sollte deshalb besser darauf verzichten.

Erhöhte Oberkörperlage beim Schlafen. Wer orthostatische Probleme beim Aufstehen aus dem Schlafen hat, kann das Kopfteil des Bettes um etwa 12° höherstellen. Dadurch wird die nächtliche Wasserausscheidung über die Niere verringert. Oft nützt es, sich vor dem Aufstehen zunächst für zwei Minuten an die Bettkante zu setzen und den Kreislauf an die veränderten Bedingungen zu gewöhnen.

Venentonus erhöhen. Gegen das Absacken des Blutes in die Beingefäße hilft es, die Venen und die umliegende Wadenmuskulatur zu stärken. Dazu eignen sich

  • Isometrische Übungen im Sitzen oder Stehen, z. B. das Überkreuzen der Beine im Stehen und das Auf-die Zehen-Stellen
  • Regelmäßige Anwendung von Wechselduschen oder Kneipp-Güssen
  • Trockenbürstenmassagen der Beine
  • Regelmäßiges Radfahren oder Walking
  • Kompressionsstrümpfe.

Medikamente gegen den niedrigen Druck

Hypotone und orthostatische Kreislaufregulationsstörungen lassen sich manchmal auch mit Wirkstoffen aus dem Pflanzenreich lindern. Ein Flüssigextrakt aus Weißdornbeeren und Campher erhöht beispielsweise die Herzfrequenz und die Kontraktionskraft des Herzmuskels. Die Tropfen sind wasserunlöslich und sollen deshalb auf einem Stück Zucker oder Brot eingenommen werden. Das Präparat ist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.

Synthetische Medikamente helfen ebenfalls gegen einen niedrigen Blutdruck. Sie sollten aber erst dann eingesetzt werden, wenn die anderen Maßnahmen bei der Behandlung der Hypotonie keinen Erfolg zeigen.

  • Sympathomimetika. Rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind die Sympathomimetika Etilefrin und Norfenefrin. Sie unterstützen das autonome Nervensystem und steigern die Herzkraft und den Gefäßwiderstand. Beide Wirkstoffe gibt es als Tropfen oder Tabletten. Sie sind mehrmals täglich je nach Beipackzettel einzunehmen. Um Schlafstörungen zu vermeiden, sollte die letzte Gabe vor 16 Uhr erfolgen. Bei Gefäßerkrankungen oder koronarer Herzkrankheit, Engwinkelglaukom und Prostatavergrößerung dürfen Sympathomimetika nicht eingesetzt werden. Ein weiteres, aber rezeptpflichtiges Sympathomimetikum ist Midodrin. Der Wirkstoff verengt die Gefäße und steigert dadurch den Blutdruck. Es gelten die gleichen Kontraindikationen wie bei Etilefrin.
  • Fludrocortison. Dieses Mineralkortikoid senkt die Natriumausscheidung über die Niere und erhöht dadurch Blutvolumen und Blutdruck. Es wird bei schwerer orthostatischer Hypotonie verordnet, wenn eine erhöhte Salz- und Flüssigkeitszufuhr nicht ausreichen. Als Nebenwirkungen sind Wassereinlagerungen, Herzschwäche, Schwitzen und Kopfschmerzen zu beachten.

Sonderfall Schwangerschaft

Ein niedriger Blutdruck während der Schwangerschaft ist nicht nur lästig für die werdende Mutter – er bedeutet auch eine Gefahr für das Kind. Denn hypotone Mütter haben einerseits ein erhöhtes Risiko für Früh- oder Fehlgeburten. Weil die Plazenta bei niedrigem Blutdruck schlechter durchblutet ist, drohen dem Ungeborenen außerdem Wachstumsstörungen.

Gegen niedrigen Blutdruck können sich werdende Mütter zunächst mit den oben genannten Allgemeinmaßnahmen helfen. Reicht das nicht aus, wird es schwierig. Denn die Behandlungsmöglichkeiten mit Medikamenten sind in der Schwangerschaft stark eingeschränkt. Sympathomimetika verbieten sich in den ersten drei Monaten strikt, da sie in Tierversuchen zu Missbildungen des Fetus geführt haben. Auch in der restlichen Schwangerschaft sollten sie besser nicht eingenommen werden und wenn, nur nach Rücksprache mit der Frauenärzt*in.

Eine medikamentöse Option für Schwangere ist Cardiodoron. Die Tinktur besteht aus Eselsdistel, Bilsenkraut und Frühlingsschlüsselblume und wird gegen Blutdruckschwankungen eingesetzt. In der höheren Konzentration muss der Extrakt von der Ärzt*in verordnet werden, stärker verdünnt ist er rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Wie bei allem Medikamenten in der Schwangerschaft ist es allerdings auch bei der rezeptfreien Variante sicherer, vor Einnahme die Frauenärzt*in zu befragen.

Tipp: Schwangere können ihren Blutdruck auch mit Sport auf Trab bringen. Besonders geeignet sind Schwimmen und Wassergymnastik sowie Radfahren und Nordic Walking. Wer joggen möchte, sollte sich dazu vorher Rat von der Frauenärzt*in einholen – denn Joggen belastet den Beckenboden.

Quelle: DAZ 2023; 12: 36

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images/Westend61/zerocreatives