Rheumatologische Erkrankungen


Entzündlich-rheumatische Gelenkerkrankungen

Juvenile Arthritis

Juvenile Arthritis (juvenile idiopathische Polyarthritís): Vor dem 16. Lebensjahr auftretende, länger als sechs Wochen andauernde, Arthritis. Die juvenile Arthritis ist die häufigste chronisch-rheumatische Erkrankung im Kindesalter. Der Arzt unterscheidet verschiedene Unterformen, die sich anhand der betroffenen Gelenke sowie der Beteiligung anderer Organe wie Auge, Herz oder Lunge voneinander abgrenzen lassen.

Leitbeschwerden

  • Schonhaltung bei bestimmten Bewegungen
  • Auffälligkeiten beim Krabbeln, Gehen und Laufen
  • Asymmetrische Gelenkschwellungen (auch Wurstfinger oder Wurstzehen) und Schmerzen an mehreren Gelenken
  • Rückenschmerzen
  • Morgensteifigkeit
  • Allgemeinsymptome wie Fieber und Kopfschmerzen.

Das macht der Arzt

Die Diagnosesicherung erfolgt aufgrund der Anamnese, des körperlichen Befunds, Röntgen und Ultraschall sowie der Laborbefunde. Im Akutstadium wird die Erkrankung vor allem mit folgenden Medikamenten behandelt: Nichtsteroidale Antirheumatika, besonders Naproxen, Diclofenac und Indometacin. Bei Beteiligung innerer Organe verschreibt der Arzt Kortison oder Basistherapeutika wie Methotrexat.

Zusätzlich sind Krankengymnastik, Ergotherapie und physikalische Therapie geeignet, sie werden an die jeweilige Krankheitsaktivität und an das Alter angepasst. Für die längerfristige Betreuung der jungen Patienten sollten sich die Eltern einen erfahrenen Kinderrheumatologen suchen.

Bei etwa der Hälfte der Kinder kann die Krankheitsaktivität durch die Therapie ganz zurückgedrängt werden, sodass sie keine Symptome mehr aufweisen. Eine aktuelle Studie der Uniklinik Münster zeigt, dass eine generelle Weiterbehandlung mit Methotrexat, um einen Rückfall zu vermeiden, nicht nötig ist. Nur wenn die Werte des so genannten MRP-Biomarkers im Blut erhöht sind, deutet das auf ein erhöhtes Rückfallrisiko hin und die weitere Medikation lohnt sich.

Weiterführende Informationen

  • www.versorgungslandkarte.de – Internetseite des Deutschen Rheuma-Liga Bundesverbands e. V., Bonn: Hier finden Sie Adressen von kinderrheumatologischen Zentren und Kliniken mit speziellen Abteilungen für pädiatrische Rheumatologie.

Morbus Bechterew

Morbus Bechterew (Spondylitis ankylosans, Spondylitis ancylopoetica, SA): Chronische rheumatische Erkrankung, bei der entzündliche Prozesse im Endstadium zu einer knöchernen Versteifung der Wirbelsäule führen. Betroffen sind manchmal auch andere Gelenke, seltener andere Organe. Die Erkrankung beginnt im Alter zwischen 15 und 40 Jahren. Etwa 1 Million Deutsche leiden an Morbus Bechterew, die Erkrankung ist jedoch nur bei jedem 10. von ihnen diagnostiziert. Männer sind viermal häufiger betroffen als Frauen. Der Verlauf variiert, M. Bechterew kann jederzeit zum Stillstand kommen oder aber langsam über Jahrzehnte bis zur völligen Versteifung der Wirbelsäule voranschreiten. 80 % der Patienten bleiben bei eingeschränkter Beweglichkeit voll erwerbsfähig und sind in Lebensführung und Lebensdauer kaum beeinträchtigt.

Abzugrenzen ist die undifferenzierte Spondylarthritis, eine entzündliche rheumatische Erkrankung der Wirbelsäule oder einzelner großer Gelenke der unteren Extremität, im Sinne einer Spondylarthritis, ohne dass aber eine Zuordnung zu einem Morbus Bechterew, einer Psoriasis-Arthritis oder reaktiven Arthritis erfolgen kann. Die undifferenzierte Spondylarthritis stellt die häufigste Diagnose unter den Spondylarthritiden dar.

Leitbeschwerden

  • Langsame, über Wochen zunehmende, tief sitzende Rückenschmerzen mit Ausstrahlung in die Oberschenkel und zunehmende Steifigkeit in der Lendenwirbelsäule
  • Steifigkeit und Schmerzen vor allem in den frühen Morgenstunden
  • Besserung bei Bewegung und Verschlimmerung bei Ruhe, so dass es den Patienten aus dem Bett treibt
  • Wechselnde Schmerzen und Schwellungen einzelner großer Gelenke (Knie, Hüften, Schultern, Ellbogen), an der Ferse oder an anderen Sehnenansätzen
  • Augenschmerzen, erhöhte Lichtempfindlichkeit 
  • Schmerzen beim Niesen oder Husten über dem Brustbein, Beschwerden beim Einatmen.

Wann zum Arzt

In den nächsten Tagen oder Wochen, wenn

  • Rückenschmerzen in Ruhe auftreten und über Wochen anhalten
  • Große Gelenke schmerzhaft geschwollen sind.

Die Erkrankung

Die Ursache der Erkrankung ist ungeklärt. Als Auslöser wird vermutet, dass eine Infektion der Verdauungs- oder Harnwege mit verschiedenen Bakterien mit einer erblichen Veranlagung zusammentreffen muss. Über 90 % der Patienten tragen auf der Oberfläche ihrer Gewebezellen das genetische Merkmal (Antigen) HLA-B27; auf den weißen Blutkörperchen wird es nachgewiesen.

Die Erkrankung beginnt langsam und schleichend, sie ist gekennzeichnet durch eine Entzündung der Kreuzbeingelenke (Iliosakralgelenke), der Wirbelsäulengelenke und selten der Bandscheiben. Die chronische Entzündung führt zu einer knöchernen Versteifung der Wirbelsäule (Ankylosierung). Ist die Wirbelsäule erst einmal steif, schmerzt sie nicht mehr, aber die Patienten können sich nicht mehr bücken oder den Kopf zur Seite drehen. Im Röntgenbild sieht man, dass die einzelnen Wirbelkörper verschmolzen sind. Die Wirbelsäule gleicht einem großen Bambusstab. Bei fast der Hälfte aller Erkrankten kommt es im Verlauf zum asymmetrischen (nur eine Seite betreffenden) Befall anderer Gelenke, vor allem von Knie und Sprunggelenk. Die Veränderungen an den Wirbelgelenken schränken auch die Beweglichkeit des Brustkorbs ein. Dadurch wird die Atmung erschwert.

Morbus Bechterew gehört zur Gruppe der Spondyloarthritiden (Spondylarthropathie, Spondylarthritis, Spondarthritis). 40 % aller Patienten, die zum Hausarzt gehen, leiden unter Rückenschmerzen – natürlich haben nicht alle diese Patienten eine Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden. Aber immerhin 1,5 Millionen Deutsche leiden an einer solchen Erkrankung, bei der primär die Wirbelsäulengelenke betroffen sind. Oft sind periphere Gelenke an Händen, Füßen, Ellenbogen, Knien, Schultern oder Hüften einbezogen. Zusätzlich findet man Entzündungen der Sehnenansätze (Enthesiopathie), Haut-, Nagel- und Schleimhautveränderungen, aber auch die Augen, der Urogenitaltrakt, das Herz, die Lungen und die Nieren können beteiligt sein. Spondyloarthritiden sind mit dem genetischen Merkmal (Antigen) HLA-B27 assoziiert, der auf den weißen Blutkörperchen nachweisbar ist. Zu dieser Erkrankungsgruppe gehören neben Morbus Bechterew reaktive Arthritis, Psoriasis-Arthritis, Arthritis bei entzündlichen Darmerkrankungen und undifferenzierte Spondylarthritis.

Das macht der Arzt

Die Diagnose beruht meist auf dem Patientengespräch (Anamnese) und der klinischen Untersuchung. Charakteristisch für Morbus Bechterew sind eine eingeschränkte Beweglichkeit der Wirbelsäule und häufig eine Sakroiliitis. Das ist eine Entzündung zwischen Kreuzbein und den beiden Darmbeinknochen, die mit dem Kreuzbein den Beckenring bilden. Eine Blutuntersuchung weist HLA-B27 nach, während die üblichen Entzündungszeichen wie BSG und CRP in vielen Fällen negativ ausfallen. Im Frühstadium kann ein Kernspin der Kreuzbeingelenke die Diagnose stützen, während Röntgenbilder die entzündlichen Veränderungen noch nicht zeigen.

Die Schmerzen lassen sich gut mit nichtsteroidalen Antirheumatika bekämpfen. Die Auswahl und die Dosis richten sich nach der Intensität der Beschwerden und der Verträglichkeit der Medikamente. Sie können bei Beschwerdefreiheit abgesetzt werden.

Die allmähliche Versteifung der Wirbelsäule lässt sich medikamentös kaum aufhalten. Damit sie jedoch möglichst langsam und in einigermaßen aufrechter Haltung versteift, ist die tägliche, konsequente Krankengymnastik sehr wichtig. Hierzu gibt es dem jeweiligen Erkrankungsstadium angepasste Übungsprogramme, die in Gruppen oder in der physiotherapeutischen Praxis durchgeführt und erlernt werden. Tägliche morgendliche Übungen helfen gleichzeitig gegen die Morgensteifigkeit und die damit zusammenhängenden Schmerzen. So erreichen viele Patienten eine deutliche Besserung.

Bei einer Entzündung der Sehnen sind Ultraschallbehandlungen und Schwachstromtherapie (Iontophorese) zu empfehlen. Therapien mit Gleichstrom (hydrogalvanische Vollbäder) lindern die Beschwerden der Sakroiliitis. Bei schweren Formen hilft vermutlich das radioaktive Edelgas Radon, das (z. T. in Kombination mit Überwärmung) in einigen Kurorten angeboten wird.

Selbsthilfe

Durch den Morbus Bechterew krümmt sich die Wirbelsäule tendenziell nach vorne. Um dies zu verhindern, müssen Sie alles unternehmen, um langfristig Ihre aufrechte Haltung zu bewahren. Die regelmäßigen Bewegungsübungen sind ein ganz wesentlicher Teil der Therapie, aber auch im Alltag gilt es, Einiges zu beachten:

Beruf. Ideal ist eine berufliche Tätigkeit, die Ihnen abwechselnd Sitzen, Stehen und Gehen ermöglicht und Ihnen erlaubt, sich mittags 10–20 Minuten lang ganz flach hinzulegen, damit sich die Wirbelsäule wieder gerade richtet. Achten Sie beim Sitzen darauf, dass das Becken nicht nach hinten kippt, suchen Sie sich Ihren geeigneten Stuhl, probieren Sie einen Sitzkeil (eventuell auch beim Autofahren). Ein Zeichenbrett, eine schräge Tischplatte oder ein verstellbarer Pultaufsatz helfen, damit Sie sich nicht ständig nach vorne beugen müssen. Falls Sie Schwierigkeiten haben, diese für Sie notwendigen Maßnahmen an Ihrem Arbeitsplatz einzuführen oder auf Unverständnis stoßen, sprechen Sie mit Ihrem Arzt oder Arbeitgeber oder versuchen Sie z. B. mithilfe eines Ratgebers Ihre Lage zu erklären.

Schlaf. Schlafen Sie auf einer festen Matratze, sie darf auf keinen Fall durchhängen. Auf Reisen legen Sie die Matratze im Notfall auf den Fußboden. Benutzen Sie ein kleines Kopfkissen, so dass der Kopf gerade liegt und nicht in den Nacken kippt. Keilkissen und große Kopfkissen, die bis unter die Schultern reichen, tragen zur Krümmung der Brustwirbelsäule bei. Schlafen in der Bauchlage ist günstig, in der Seitenlage mit gekrümmtem Rücken dagegen eher ungünstig.

Sport. Die Diagnose Morbus Bechterew bedeutet kein Sportverbot. Im Gegenteil: Jede körperliche Aktivität ist gut und falls Sie eine Sportart beherrschen, bleiben Sie ruhig dabei und passen Sie sie, falls nötig, an Ihr Krankheitsstadium an. Bedenken Sie aber, dass der Sport nicht die Krankengymnastik ersetzt. Besonders geeignet sind Sportarten, bei denen Sie sich strecken müssen und keine großen Erschütterungen auftreten, aber dennoch alle Muskeln und Gelenke beansprucht werden. Empfehlenswert sind Schwimmen (um den Hals nicht zu überstrecken, schwimmen Sie eher auf dem Rücken), Skilanglauf, Wandern (mit Teleskopstöcken) und Radfahren (mit hohem Lenker und nach vorn gekipptem, weich gefederten Sattel) sowie Volleyball.

Komplementärmedizin

Zur Linderung von Schmerzen und zur Eindämmung der Entzündung eignen sich die gleichen komplementärmedizinischen Maßnahmen wie die bei der Rheumatoiden Arthritis.

Weiterführende Informationen

  • www.bechterew.de – Gute Internetseite der Deutschen Vereinigung Morbus Bechterew e. V., Schweinfurt: Mit Erklärungen zur Krankheitsentstehung, Diagnose und Therapie, besonders der Bewegungstherapie, Ratschlägen zur Alltagsbewältigung und Literaturtipps.
  • U. Wolf; L. Hammel: Der Morbus-Bechterew-Gymnastik-Kalender. Haug, 1999. Heimprogramm mit den wichtigsten Übungen für 4 Wochen.

Psoriasis-Arthritis

Psoriasis-Arthritis (Arthritis psoriatica): Entzündliche, rheumatische Erkrankung aus der Gruppe der Spondyloarthritiden, die bei ~ 15 % der Patienten mit einer Schuppenflechte (Psoriasis) auftritt. Betroffen sind periphere Gelenke und die Wirbelsäule, aber auch Sehnen und Sehnenansätze. Die Hauterkrankung geht in 60 % der Fälle der Arthritis um Jahre voraus, so dass bei Ausbruch der Arthritis typische Hautveränderungen vorhanden sind. Frauen und Männer sind gleich häufig betroffen.

Leitbeschwerden

  • Beschwerden der Schuppenflechte wie gerötete schuppige Hautstellen und gelblich fleckige oder zerbröckelnde Fingernägel
  • Gelenkschmerzen vor allem in Ruhe und in den frühen Morgenstunden, ausgeprägte Morgensteifigkeit
  • Tief sitzende Rückenschmerzen oder Nackenschmerzen
  • Besserung der Schmerzen und der Steifigkeit durch Bewegung.

Die Erkrankung

Die Schuppenflechte ist eine der häufigsten chronischen Hautkrankheiten, unter ihr leiden 2–3 % der Bevölkerung. Warum bei einem Teil der Patienten begleitend eine Psoriasis-Arthritis auftritt, ist unbekannt. Man nimmt eine Kombination aus genetischen, immunologischen und Umwelt-Faktoren an. Bei 40 % der Patienten mit Psoriasis-Arthritis leiden Familienmitglieder ebenfalls an der Erkrankung. Genetische Risikomarker für eine Psoriasis-Arthritis sind die Antigene des HLA-Systems.

Typisch für die Psoriasis-Arthritis ist der asymmetrische Gelenkbefall in Form eines Strahl- oder eines Transversalbefalls. Beim Strahlbefall sind alle drei Gelenke eines Fingers oder einer Zehe betroffen. Sind zusätzlich die Gewebe zwischen den Gelenken entzündet und verdickt, spricht man von Wurstfingern oder Wurstzehen. Beim Transversalbefall ist eines der drei Gelenke an allen Fingern einer Hand oder Zehen eines Fußes betroffen. Charakteristischerweise sind auch Sehnen und Sehnenansätze betroffen, z. B. Achillessehnen.

Das macht der Arzt

Die Diagnose ergibt sich meistens aus dem klinischen Bild: Gelenkschmerzen- und -schwellungen, tiefe Kreuzschmerzen und -steifigkeit besonders in Ruhe und am Morgen, die sich unter Bewegung bessern, sprechen in Verbindung mit dem Vorliegen einer Schuppenflechte für eine Psoriasis-Arthritis.

Die Therapie erfolgt in enger Zusammenarbeit mit dem Hautarzt (Dermatologen). In vielen Fällen genügen nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) wie Ibuprofen.

Sollte das nicht ausreichen, verordnet der Arzt Methotrexat. In ganz schweren Fällen wird auch Cyclosporin A eingesetzt. Monoklonale Antikörper wie Remicade® sind sehr teuer und werden nur dann verordnet, wenn keines der vorher genannten Medikamente wirkt oder sie unerträgliche Nebenwirkungen verursachen. Die letzten drei Medikamente (Methotrexat, Cyclosporin A und Remicade®) unterdrücken auch die Hautbefunde der Schuppenflechte.

Regelmäßige Krankengymnastik ist unverzichtbar.

Reaktive Arthritis

Reaktive Arthritis: Akute Entzündung eines oder mehrerer Gelenke infolge einer bakteriellen Infektion von Harnwegen, Darm oder Atemwegen. Betroffen sind meist einzelne große Gelenke der unteren Extremität auf nur einer Körperseite.

Eine Reaktive Arthritis heilt normalerweise innerhalb eines Jahres aus und verursacht keine dauerhaften Gelenkschäden, am häufigsten betroffen sind junge Männer.

Leitbeschwerden

  • Einseitig schmerzhafte, geschwollene große Gelenke
  • Geschwollene einzelne Finger oder Zehen (Wurstzehe, Wurstfinger)
  • Schmerzen der Sehnen oder Sehnenscheiden (z. B. Achillessehne)
  • Schmerzen beim Wasserlassen
  • Schmerzen und Fremdkörpergefühl in den Augen, erhöhte Lichtempfindlichkeit
  • Schleimhautveränderungen an der Eichel.

Die Erkrankung

Es wird eine überschießende Immunreaktion nach bestimmten Bakterieninfekten angenommen. Die Neigung zu dieser überschießenden Reaktion ist genetisch bedingt. Etwa die Hälfte aller Patienten mit einer Reaktiven Arthritis trägt das HLA-B27-Antigen. Trotzdem erkranken diese Patienten nur selten an Spondylarthritiden.

Normalerweise entwickelt der Organismus nach einer Bakterieninfektion eine natürliche Immunität. Anscheinend bleibt jedoch bei vielen HLA-B-27-Trägern ein Reservoir im Körper bestehen, aus dem schubweise Erreger über das Blut in die Gelenke gelangen und diese reaktive Arthritiden erneut auslösen.

Im Allgemeinen sind mehrere Gelenke betroffen, häufig Knie-, Sprung-, Zehen- oder Handgelenk. Manchmal wandert die Entzündung auch von einem Gelenk zum anderen.

Eine seltene Sonderform der Reaktiven Arthritis ist der Morbus Reiter (Reitersche Krankheit, Reiter-Krankheit) mit den drei typischen Symptomen Harnröhrenentzündung, Gelenkentzündung und Bindehautentzündung. Bei Patienten mit Morbus Reiter kommt es in ~ 25 % zu chronischen Gelenkentzündungen, Sehnenproblemen oder Rückfällen.

Das macht der Arzt

Vorausgegangene Infektionen geben erste Hinweise auf eine Reaktive Arthritis. Zum Nachweis des Erregers wird z. B. ein Harnröhrenabstrich vorgenommen, eine Stuhlkultur angelegt oder der Arzt findet entsprechende Antikörper. Die Blutuntersuchung ergibt Hinweise auf eine akute Entzündung (BSG und CRP erhöht, Leukozytose). Bildgebende Verfahren wie Ultraschall, Röntgen oder CT können im chronischen Stadium dazu beitragen, Veränderungen im Gelenk zu beurteilen.

Im akuten Stadium besteht die Behandlung aus physikalischen Maßnahmen wie Kältetherapie (Kaltluft, Kühlpacks), Ultraschall oder kurzzeitiger Ruhigstellung. Für die medikamentöse Therapie kommen in erster Linie nichtsteroidale Antirheumatika wie Ibuprofen in Frage. Kommt es zu keiner Besserung, kann eine Kortisontherapie nötig werden. Nach Ausschluss einer bakteriellen Gelenkinfektion kann Kortison auch direkt in das entzündete Gelenk gespritzt werden.

Bei chronischem Verlauf der Arthritis ist eine Therapie mit Basistherapeutika wie Sulfasalazin oder Infliximab erforderlich. Interessanterweise haben Antibiotika keinen Effekt auf den Verlauf. Bei Chlamydien muss auch der Partner prophylaktisch behandelt werden, um eine erneute Infektion durch Sexualkontakte zu vermeiden. Liegt eine Augenbeteiligung, insbesondere eine Regenbogenhautentzündung vor, wird der Augenarzt hinzugezogen.

Rheumatoide Arthritis

Rheumatoide Arthritis (RA, [primär] chronische Polyarthritis, cP, PCP): Schwere chronisch-entzündliche Autoimmunerkrankung der Gelenke, aber auch der Schleimbeutel, Sehnenscheiden, Gefäße, Augen, Haut und inneren Organe. 1 % der Bevölkerung ist betroffen, Frauen zwei- bis dreimal häufiger als Männer. Die Erkrankung kann in jedem Alter beginnen, am häufigsten zwischen dem 35. und 45. Lebensjahr sowie jenseits des 60. Lebensjahres. Die Rheumatoide Arthritis verringert spürbar die Lebenserwartung (bei Männern um bis zu 5 Jahre, bei Frauen um bis zu 15 Jahre). Die Prognose ist abhängig von einer frühzeitigen adäquaten Therapie, sie sollte spätestens 4 Monate nach Krankheitsbeginn einsetzen.

Leitbeschwerden

Bei Krankheitsbeginn:

  • Vorübergehende Gelenkschmerzen und Gelenkschwellungen insbesondere der Fingergrundgelenke, fast immer symmetrisch
  • Morgensteifigkeit der Gelenke
  • Allgemeines Krankheitsgefühl: Müdigkeit, Gewichtsverlust, leichtes Fieber
  • Druckschmerz aller Fingergrundgelenke beim Händedruck (Begrüßungsschmerz)
  • Diffuse Schmerzen der Sehnenscheiden.

In den folgenden Wochen/Monaten zusätzlich:

  • Morgensteifigkeit über 1 Stunde anhaltend
  • Kraftlosigkeit der Hände
  • Gelenkschmerzen und Schwellungen typischerweise symmetrisch in den Fingergrund- und den Fingermittelgelenken
  • Ausgeprägter Begrüßungsschmerz.

Im Vollbild zusätzlich:

  • Verschiedene Handdeformitäten durch Gelenkzerstörungen
  • Gummiartige Knoten an den Streckseiten der Gelenke (selten)
  • Kurzatmigkeit durch Rippenfellentzündung und Herzbeutelentzündung
  • Hautdefekte vor allem an Unterschenkeln und Fußrücken
  • Augenschmerzen durch Lederhautentzündung
  • Trockenheit von Mund und Augen (Sicca-Symptome).

Die Erkrankung

Bei der Rheumatoiden Arthritis handelt es sich um eine chronische Autoimmunerkrankung. Meistens beginnt die Entzündung gleichzeitig an den Fingergrundgelenken beider Seiten. Später springt die Entzündung symmetrisch auf andere Gelenke über. Innerhalb von Monaten werden mehr und mehr Gelenke befallen, so Knie-, Hand-, Sprung-, Schulter-, Zehengrund-, Ellenbogen-, Hüftgelenke und die Halswirbelsäule. Eine ungebremste Entzündung verursacht starke Schmerzen und greift Gelenkknorpel und Knochen an. Die Gelenke verformen sich, versteifen und verlieren ihre Funktion. Bei wenigen Patienten bilden sich gummiartige Knoten (Rheumaknoten) an den Gelenken, aber auch in inneren Organen wie Lunge, Herz, Stimmbändern, der Aorta und selbst in der harten Hirnhaut.

40 Prozent der Patienten erleiden bereits in den ersten 6 Monaten irreversible Schäden an den Gelenkknochen. Nach 10 Jahren müssen 18 Prozent der Patienten mit künstlichen Hüft- oder Kniegelenken versorgt werden und 10 Prozent sind schwerstbehindert.

Das macht der Arzt

Diagnosesicherung. Die Diagnose Rheumatoide Arthritis wird anhand der Krankheitssymptome und der rheumatologischen Untersuchung gestellt. Das Blutlabor zeigt eine erhöhte BSG, erhöhtes CRP und eine entzündungsbedingte Blutarmut. Rheumafaktoren sind bei etwa 70 Prozent und antinukleäre Antikörper (ANA) bei etwa 20 Prozent der Patienten nachweisbar, aber erst nach langjährigem Verlauf. Bei ebenfalls 70 Prozent der Betroffenen sind CCP-Antikörper (auch ACP-Antikörper oder ACPA genannt) nachweisbar, was mit hoher Wahrscheinlichkeit eine rheumatoide Arthritis vermuten lässt. Sie dienen neben Rheumafaktoren auch der Verlaufskontrolle. Ultraschalluntersuchungen geben zusätzliche Informationen über eine Beteiligung der Gelenkweichteile. Seit April 2009 ist außerdem ein bildgebendes Untersuchungsverfahren zur Früherkennung unter dem Namen Rheumascan in der EU zugelassen. Dabei wird fluoreszierender Farbstoff in die Hand gespritzt. Sammelt sich der Farbstoff in einzelnen Gelenken, ist das ein Hinweis auf einen Rheumaherd. Das schmerzfreie Verfahren dauert einige Minuten und verursacht keine Nebenwirkungen.

Üblicherweise wird die Diagnose Rheumatoide Arthritis dann als definitiv bezeichnet, wenn vier der folgenden sieben ACR-Kriterien (vom American College of Rheumatology festgelegt) erfüllt sind:

  • Morgensteife der Gelenke von mindestens 1 Stunde Dauer
  • Entzündung in drei und mehr Gelenkregionen
  • Arthritis der Hand
  • symmetrische Arthritis: Beteiligung der gleichen Gelenkregionen auf beiden Körperhälften
  • Rheumaknoten: subkutane Knoten über Knochenvorsprüngen oder in Gelenknähe
  • Nachweis von Rheumafaktoren im Blut
  • Röntgenologische Veränderungen.

Forscher bemängeln diese Klassifikationskriterien schon seit geraumer Zeit, weil diese Symptome erst auftreten, wenn die Erkrankung fortgeschritten ist und bereits Gelenkschäden vorliegen. Das hindert Mediziner daran, eine rheumatoide Arthritis bereits im Frühstadium zu erkennen und rechtzeitig zu therapieren, und somit auch Spätfolgen entgegenzuwirken. Daher hat nun das ACR gemeinsam mit der EULAR (European League against Rheumatism) einen neuen Kriterienkatalog erarbeitet. Den einzelnen Kriterien ist jeweils ein bestimmter Punktewert (siehe Klammern) zugeordnet. Ergibt sich in der Summe eine Punktzahl von größer als sechs, so liegt gemäß des Katalogs eine definitive RA vor.

Kategorie A – Gelenkbeteiligung

  • ein großes Gelenk (0)
  • 2–10 große Gelenke (1)
  • 1–3 kleine Gelenke mit oder ohne Beteiligung großer Gelenke (2)
  • 4–10 kleine Gelenke mit oder ohne Beteiligung großer Gelenke (5)

Kategorie B – Serologie (Mindestens ein Testergebnis wird für die Klassifikation benötigt)

  • negativer Rheumafaktor und negativer ACPA (0)
  • niedrig positiver Rheumafaktor oder niedrig positiver ACPA (2)
  • hoch positiver Rheumafaktor oder hoch positiver ACPA (3)

Kategorie C – Akute-Phase-Reaktion (Mindestens ein Testergebnis wird für die Klassifikation benötigt)

  • normales CRP und normale BSG (0)
  • erhöhtes CRP oder beschleunigte BSG (1)

Kategorie D – Dauer der Symptome

  • weniger als sechs Wochen (0)
  • mehr als sechs Wochen (1)

Zur Dokumentation (und auch zur Verlaufskontrolle) setzen sich zunehmend standardisierte Fragebögen wie der DAS-28 (disease activity score) oder der RADAI-Fragebogen (Rheumatoid Arthritis Disease Activity Index) durch.

Neuesten Erkenntnissen zufolge verbessern die neuen Kriterien die RA-Therapie deutlich. Sie führen nicht nur zu einer frühzeitigeren Therapie, sondern tragen auch dazu bei, Beschwerden langfristig zu lindern. Zudem erlaubt die schnellere Diagnose auch einen früheren Einsatz von TNF-α-Hemmern. Medikamente, von denen vor allem therapieresistente RA-Patienten profitieren.

Therapie. Die Therapie zielt darauf ab, die Schmerzen zu lindern, die Entzündungsreaktionen und damit die Schäden an den Gelenken zu stoppen und ihre Beweglichkeit zu erhalten. Der Rheumatologe muss dabei für jeden Patienten die richtige Balance finden zwischen ausreichend intensiver Therapie und einer möglichst geringen Belastung durch Arzneimittelnebenwirkungen und andere Einschränkungen. Gerade in der Anfangszeit sollte aber eher früh und intensiv therapiert werden, vor allem mit den Basistherapeutika, da besonders in den ersten 2 Jahren der Erkrankung die schlimmsten Gelenkzerstörungen drohen.

Die Betroffenen werden frühzeitig mit einer Kombination aus nichtsteroidalen Antirheumatika (NSAR) und Basistherapeutika (Methotrexat, Sulfasalazin, Chloroquin, Leflunomid, die Goldsalzpräparate Auranofin und Natriumaurothiomalat) therapiert. Um die Zeit bis zum Wirkungseintritt zu überbrücken, kann zumindest vorübergehend eine Kortisontherapie erfolgen. Um Nebenwirkungen gering zu halten, sollte die Dosis deutlich unter der Cushing-Schwelle bleiben und die Threapie innerhalb von sechs Monaten ausgeschlichen werden.

Inzwischen kam eine neue Arzneistoffklasse zur Behandlung der rheumatoiden Arthritis auf den Markt: die Januskinase-Inhibitoren. In ersten Studien zeigten sie sich der bisherigen Standardtherapie mit Methotrexat (MTX) überlegen.

Sondertext: Kortisontherapie und Cushing-Schwelle

Kommt die Erkrankung trotz intensiver Therapie nicht zum Stillstand, richtet sich das weitere Vorgehen nach den klinischen Zeichen: Sind nur wenige Gelenke entzündet, kommen lokale Therapien wie eine intraartikuläre Kortisontherapie, eine Synoviorthese oder eine Synovektomie zum Einsatz. Ansonsten kann die Dosierung der Basistherapie erhöht, eine hochdosierte Kortisontherapie auch intravenös eingesetzt oder mehrere Basistherapeutika kombiniert werden. Kommt es auch dadurch nicht zu einer Besserung, verordnet der Arzt monoklonale Antikörper. Dazu gehören etwa die TNF-α-Hemmer und das Immunsupressivum Tocilizumab. Die EULAR (European League against Rheumatism) empfiehlt, monoklonale Antikörper möglichst früh einzusetzen, spätestens jedoch dann, wenn eine Starttherapie mit Methotrexat alleine wirkungslos bleibt.

Krankengymnastische Übungen sind unerlässlich zum Erhalt der Gelenkfunktion, am besten werden sie im Rahmen einer Patientenschulung erlernt. Physikalische Therapien wie Massage, Wärme- und Kältetherapien nutzen ebenfalls, dürfen jedoch die aktive (Kranken-)Gymnastik nie ersetzen. In Einzelfällen wird der Rheumatologe invasive Therapiemaßnahmen wie die Synoviorthese, die Synovektomie oder eine Gelenkversteifung bzw. Gelenkersatz in Betracht ziehen.

Selbsthilfe

Vielen Patienten fällt es schwer, die richtige Balance zu finden zwischen dem notwendigen Engagement für Krankengymnastik und anderen Behandlungen und dem Wunsch, weiterhin ein normales Leben zu führen und sich von der Krankheit nicht vereinnahmen zu lassen. Neben den Schmerzen belasten vor allem die geringe Greifkraft und die eingeschränkte Beweglichkeit im Alltag. Jeder Betroffene muss seinen eigenen Weg finden, der Austausch in Selbsthilfegruppen kann dabei helfen.

Ernährung. Am meisten profitieren Rheumakranke von einer ausgewogenen, aber fleischarmen bis fleischlosen Kost. Nützlich soll ein hoher Anteil an Fisch sein, da den Omega-3-Fettsäuren eine entzündungshemmende Wirkung zugeschrieben wird. Die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle bei chronischen Entzündungen. Viele Patienten sind oft mangelernährt, was die Erkrankung nur verschlimmert. Daher profitieren Betroffene auch zusätzlich von einer Ernährungsberatung.

Kälte. Eisbeutel oder Kühlpacks aus dem Gefrierfach mehrmals täglich für einige Minuten auf akut betroffene Gelenke gelegt, lindern Schmerzen und Schwellungen im akuten Stadium. Die Beutel sollten dazu immer in ein Tuch eingeschlagen werden, damit die Haut keine Erfrierungsschäden davonträgt.

Gymnastik und Handmotorik. Krankengymnastik muss sein, denn nur so lassen sich Kontrakturen verhindern und Muskeln erhalten und kräftigen. Das verlangt starke Selbstdisziplin und ist leider auch zeitintensiv.

Viele Arthritis-Patienten finden krankengymnastische Übungen im Wasser angenehm – probieren Sie aus, welche Übungen aus Ihrem Bewegungsprogramm Ihnen im Wasser mehr Spaß machen oder leichter fallen. Für die meisten ist „Aqua-Fitness“ übrigens besser als Schwimmen: Vor allem Brustschwimmen belastet den Rücken und die Gelenke.

Tägliches Üben mit Qigong-Kugeln kann die Handmotorik und -durchblutung verbessern und entspannen helfen: Nehmen Sie die beiden Kugeln in eine Handfläche und lassen Sie die Kugeln mit leichten Bewegungen der Finger umeinander kreisen: erst zehnmal im Uhrzeigersinn, dann zehnmal gegen den Uhrzeigersinn. Wiederholen Sie die Übung mit der anderen Hand.

Hobbies. Hobbies und Sport sollten Sie auf keinen Fall aufgeben. Selbst gelenkbelastende Sportarten sollten Sie ausüben, solange die Schmerzen und Beschwerden nicht zunehmen. Auch gibt es spezielle Reiseangebote für Rheumatiker, z. B. um dem feucht-kalten Winterklima für eine Weile zu entfliehen.

Waschen und Ankleiden. Gerade morgens, wenn Waschen, Anziehen, Zähneputzen und Frisur anstehen und es außerdem schnell gehen soll, sind Steifigkeit und Schmerzen am stärksten. Soweit möglich, sollten Sie deshalb morgens keine Termine wahrnehmen. Wenn Sie Medikamente – besonders das Kortison – schon vor dem Aufstehen einnehmen, wirkt es schon beim „Morgenritual“.

Sturzprophylaxe. Stürze sind für Rheumatiker besonders gefährlich, weil Knochenbrüche nur schlecht heilen. Sie passieren zudem viel leichter, weil Fallreflexe und Abwehrbewegungen, die das Schlimmste verhindern, verlangsamt ablaufen. Sturzprophylaxe beinhaltet, die Wohnung sturzsicher zu machen (bzw. in eine solche umzuziehen), und sollte deshalb frühzeitig in Angriff genommen werden. Dazu gehören rutschfeste und griffige Böden, sicher verlegte Kabel, keine Stolperkanten und ausreichend Haltegriffe an den Wänden, vor allem im Bad und im Treppenhaus. Gehstöcke sollten immer an festen Plätzen in sinnvollen Haltevorrichtungen griffbereit sein.

Beruf. Rheumapatienten werden häufig zu Frührentnern (gemacht) und die Verrentung, egal ob vom Arbeitgeber angetragen oder selbst angestrengt, ist immer eine einschneidende Lebensumstellung. Bevor Sie jedoch den Job an den Nagel hängen, sollten Sie sich intensiv bezüglich Umschulungsmöglichkeiten und einen Wechsel innerhalb des Betriebs beraten lassen.

Schlafen. Nachts ist es wichtig, die entzündeten Gelenke in einer funktionsgerechten Haltung zu lagern und eventuell leicht zu fixieren. Sind Hüft-, Knie- oder Sprunggelenke betroffen, sollten Sie keinesfalls mit überkreuzten Beinen liegen.

Komplementärmedizin

Einmal zerstörte Gelenkstrukturen können auch mit komplementärmedizinischen Maßnahmen nicht mehr geheilt werden. Einigen Verfahren wird jedoch ein positiver Einfluss auf die Entzündungsprozesse sowie ein schmerzlindernder Effekt zugeschrieben. Oberstes Gebot sollte es jedoch sein, diese nicht anstelle, sondern in Kombination mit der konventionellen Therapie einzusetzen.

Pflanzenheilkunde. Häufig eingesetzte standardisierte Pflanzenextrakte zur Einnahme sind die Teufelskrallenwurzel (z. B. Rheuma-Sern®-Kapseln) und die Weidenrinde (z. B. Assalix®-Dragees) zur Schmerzlinderung und Entzündungshemmung. Da sie selten Magen-Darm-Probleme verursachen, eignen sie sich auch zur längerfristigen Anwendung, jedoch vermögen sie Schmerzen nicht so gut zu lindern wie synthetisch hergestellte Schmerzmittel. Weitere bewährte Phytopharmaka mit entzündungshemmenden Eigenschaften sind aus schwarzem Johannisbeer- und Borretschsamen sowie aus der Nachtkerze gewonnene Öle zur Einnahme (z. B. Glandol-forte®-Kapseln, Epogam®-Kapseln), die aufgrund ihres hohen Gehalts an Gamma-Linolensäure traditionell bei Hauterkrankungen wie z. B. Neurodermitis eingesetzt werden. Studien haben gezeigt, dass einige RA-Patienten bei regelmäßiger Einnahme ihren Verbrauch an nichtsteroidalen Entzündungshemmern reduzieren konnten. Auch für die längerfristige Anwendung von standardisierten Knoblauch- und Ingwerextrakten hat eine Studie positive Hinweise auf eine Linderung von Schmerzen sowie einen Rückgang der Schwellungen festgestellt. Von den verschiedenen standardisierten Heilpflanzenkombinationen schnitt in Vergleichsstudien eine Kombination aus Zitterpappel, Esche und Goldrute (Phytodolor®) am besten ab; je nach Schmerzintensität werden von der Tinktur mehrmals täglich 20–40 Tropfen in etwas Flüssigkeit eingenommen.

In Salben- oder Pflasterform bzw. als Badezusatz stehen Präparate mit Cayennepfeffer (z. B. Kneipp® Rheumasalbe, Rheumaplast N®), Beinwell (z. B. Kytta-Plasma® Umschlagpaste) oder mit verschiedenen Aromaölen (z. B. Kneipp® Rheumabad, Leukona®-Rheumasalbe) zur äußerlichen Anwendung zur Verfügung.

Enzymtherapie. Zur Eindämmung der Entzündung wird das Ananasenzym Bromelain in hoher Dosierung einzeln (z. B. Bromelain-POS®) oder in Kombination mit anderen Enzymen (z. B. mit dem Pankreasenzym in Wobenzym® N) in Tabletten- oder Pulverform eingesetzt.

Akupunktur. Obwohl Akupunktur häufig zur Linderung einer Rheumatoiden Arthritis empfohlen wird, liegen bislang noch keine gesicherten Erkenntnisse über den therapeutischen Nutzen vor; positive Erfahrungsberichte legen aber eine schmerzlindernde Wirkung nahe.

Entspannungsverfahren. Unbestritten ist die positive Wirkung von regelmäßig ausgeübten Entspannungstechniken. Besonders bewährt haben sich Autogenes Training, Yoga oder die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Viele Betroffene berichten von einer größeren Akzeptanz und einem gelasseneren Umgang mit den Schmerzen, zudem scheinen die Übungen einen positiven Einfluss auf die Gelenkfunktion zu haben.

Biofeedback. Verschiedene Studienergebnisse lassen auf eine Besserung der Beschwerden durch Biofeedback schließen.

Homöopathie. Die Homöopathie empfiehlt eine individuell abgestimmte Konstitutionstherapie, häufig eingesetzte Homöopathika sind z. B. Acidum nitricum, China, Cimicifuga, Colchicum, Pulsatilla, Sulfur, Thuja und Viscum album; zudem sind Kombinationspräparate (z. B. Röwo®-778 Symphytum Rö-Plex®-T-Tropfen) erhältlich.

Magnettherapie. Lange Zeit waren vor allem Knochenbrüche die Domäne der Magnettherapie. Mittlerweile gibt es Studien, die besagen, dass die Methode auch den Krankheitsverlauf von chronisch-entzündlichen Gelenkerkrankungen positiv beeinflusst. Bei dem Verfahren werden pulsierende elektromagnetische Felder von elektronisch geregelten Steuergeräten in bestimmten Taktfrequenzen erzeugt, die entweder in Form eines Stabes, Kissens auf einzelne Körperregionen oder als Ganzkörpermatte dem gesamten Organismus zugeführt werden. Bei der Behandlung einer Rheumatoiden Arthritis und anderer chronischer Autoimmunerkrankungen des Bewegungsapparats aktivieren diese Magnetfelder u.a. den Zellstoffwechselprozess und verbessern so Durchblutung und Regeneration des (entzündeten) Gewebes. So erklärt man sich die entzündungshemmende, schmerzlindernde, abschwellende und bis zu einem gewissen Grad auch regenerierende Wirkung auf die betroffenen Knorpel und Gelenkstrukturen. Voraussetzung ist die regelmäßige Anwendung über mehrere Wochen und Monate – nach einer Einweisung durch einen versierten Therapeuten ist die Weiterführung der Therapie auch zu Hause möglich.

Weiterführende Informationen

  • www.rheuma-online.de Suchbegriff Polyarthritis – Sehr informative Internetseite aus Meerbusch, die wissenschaftlich betreut wird. Gute Darstellung des Krankheitsbilds.
  • www.rheumatoide-arthritis.de – Gute, allerdings nicht unabhängige Internetseite aus München, mit Erklärungen zur Krankheitsentstehung, Diagnose und Therapie und vielen praktischen Tipps.

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Ratgeber

Lippenherpes lässt sich bezwingen

Lippenherpes lässt sich bezwingen

Mit Creme, Patch oder Hitze

Lippenherpes juckt, schmerzt und ist mit seinen gelblichen Krusten alles andere als eine Zierde. Häufig taucht er gerade dann auf, wenn man ihn am allerwenigstens gebrauchen kann. Zum Glück gibt es gegen die üblen Fieberbläschen inzwischen viele Gegenmittel. Wer sie frühzeitig einsetzt, hat gute Chance, den Herpes im Zaum zu halten.

Lebenslange Untermieter

Herpes-simplex-Viren (HSV) sind weit verbreitet. Am häufigsten kommt der Typ HSV-1 vor: Neun von zehn Erwachsenen tragen ihn in sich. Die meisten stecken sich damit schon in der frühen Kindheit an. Das Virus gelangt dabei über Körperflüssigkeiten wie Speichel oder Nasensekrete zunächst auf die Schleimhaut oder wird eingeatmet. Von dort erreicht es dann die Blutbahn. Nach dieser ersten, oft unbemerkten Infektion ziehen sich die Viren in bestimmte Nervenzellen (Ganglienzellen) zurück und bleiben lebenslang im Körper. Werden die „schlafenden“ Viren allerdings durch Stress oder andere Faktoren reaktiviert, wandern sie die Nervenbahnen entlang und lösen Geschwüre und Bläschen an der Haut aus.

Besonders häufig sitzen die Herpesviren in den Ganglienzellen des Nervus trigeminus. Dieser innerviert die Gesichtshaut, die Lippen und die Mundschleimhaut. Werden die Viren reaktiviert, kommt es in diesen Gebieten zu Symptomen. Am allerhäufigsten betroffen sind dabei die Lippen und der Bereich um den Mund herum. Im Volksmund nennt man die dann auftretenden kleinen schmerzhaften Geschwüre Fieberbläschen. Fachleute sprechen von einem Herpes labialis, wenn er an den Lippen oder im Mund sitzt, vom Herpes nasalis, wenn er die Nase befällt.

Fieberbläschen kündigen sich oft durch Brennen, Kribbeln oder Jucken an. Innerhalb weniger Stunden blüht der Herpes auf: Es entwickelt sich ein münzgroßer, geröteter Herd mit kleinen Blasen. Diese sind prall gefüllt mit HSV. Nach wenigen Tagen platzen sie und trocknen schließlich aus. Dabei bilden sich höchst schmerzhafte Krusten. Nach acht bis zehn Tagen ist die Wunde abgeheilt, und die Haut sieht wieder so aus wie vorher. Dummerweise bleibt es meist nicht bei der einen Attacke. Bei vielen Menschen, die das HSV in sich tragen, kommt das Fieberbläschen immer wieder. Oft an der gleichen Stelle, manchmal auch in anderen Bereichen des Mundes oder an der Nase.

In manchen Fällen bleibt es bei der Reaktivierung nicht beim harmlosen Fieberbläschen. Vor allem bei immungeschwächten Patient*innen und Neugeborenen drohen Komplikationen. Das Virus kann sich im gesamten Körper ausbreiten und das zentrale Nervensystem, die Lunge und die Leber infizieren. Atemnot, Fieber und Krampfanfälle sind nur einige der lebensbedrohlichen Folgen.

Hinweis: Manchmal kommt es durch die Reaktivierung von HSV-1 zu einer Augeninfektion. Dabei sind v.a. die Hornhaut und die Bindehaut betroffen. Bemerkbar macht sich der Augenherpes durch Rötung, Schmerzen, Juckreiz und Fremdkörpergefühl im Auge.

Was HSV aus seiner Zelle lockt

Fast alle Menschen sind mit HSV-1 infiziert. Doch nicht alle leiden unter Fieberbläschen. Das liegt daran, dass das Virus reaktiviert werden muss, bevor es aus den Nervenzellen auswandert und an der Haut zu Beschwerden führt. Provokationsfaktoren oder Trigger gibt es zahlreiche:

  • UV-Strahlung der Sonne (eine andere Bezeichnung für den Herpes labialis ist auch der „Gletscherbrand“ durch starke UV-Strahlen im Gebirge)
  • Fieber und Infektionskrankheiten
  • Hormonumstellungen (z.B. bei der Menstruation)
  • psychische Faktoren wie Stress, Ekel oder Traumata

Hinweis: Wer sehr häufig oder jeweils sehr lange unter Fieberbläschen leidet, sollte dies ärztlich abklären lassen. Dahinter kann eine Immunschwäche stecken.

Beschwerden mit Cremes und Gelen lindern

Das traditionelle Fieberbläschen ist nicht gefährlich, aber überaus lästig. Zum Glück gibt es inzwischen verschiedene Behandlungsmöglichkeiten. Besonders häufig werden spezielle Cremes eingesetzt.

Antivirale Cremes. Diese Cremes enthalten ein Virostatikum, das die Vermehrung der Viren stoppt. Trägt man sie schon beim ersten Kribbeln auf, bilden sich manchmal erst gar keine Bläschen aus. Ansonsten kann der Wirkstoff helfen, dass das Bläschen schneller abheilt und weniger schmerzt. Die Cremes sollten so früh wie möglich und dann alle drei bis vier Stunden eingesetzt werden. Für das Virostatikum Aciclovir gibt es keine Alterseinschränkung. Penciclovir darf erst ab einem Alter von zwölf Jahren angewendet werden. Aciclovir steht auch in Kombination mit antientzündlichem Hydrokortison zur Verfügung. Die Kombination soll die Symptome schneller lindern und die Wundheilung beschleunigen.

Zink. Zink soll auf Herpesviren ebenfalls einen hemmenden Effekt ausüben. Es wird für die virale Bläschenphase und die Zeit der Heilung empfohlen. Speziell für den Lippenherpes hergestellte Gele mit Zinksulfat-Heptahydrat sind in der Apotheke erhältlich.

Pflanzliche Salben. Melissenöl, Teebaumöl und Pfefferminzöl sind im Labor antiherpetisch wirksam, andere Pflanzeninhaltsstoffe haben desinfizierende Eigenschaften. Für den Lippenherpes gibt es spezielle Mixturen, z. B. Rephaderm mit Rosmarin-, Myrrhen- und Wermutkrautextrakten. Der Mikroalgenaktivstoff Spirulina-platensis-Extrakt (z.B. in Spiralin oder Ilon Lippencreme) soll das Eindringen und Anhaften von HSV in die Hautzellen verhindern. Dadurch kann er im Akutfall verhindern, dass das Bläschen weiter aufblüht. Auch vorbeugend soll Spirulina herpesanfällige Lippen schützen können. Außerdem reduziert der Algenwirkstoff die Krustenbildung und fördert die Abheilung.

Hinweis: Bei den Virostatika kommt es auch auf die Salbengrundlage an. So dringt Studien zufolge Aciclovir besonders gut in die Schleimhaut ein, wenn es mit einem Anteil von 40% Propylenglykol zubereitet ist.

Pflaster und Lippenstift

Statt Cremes lässt sich der Lippenherpes auch mit speziellen Pflastern oder Patches behandeln. Sie fördern durch Hydrokolloide die Wundheilung und reduzieren die Krustenbildung. Dabei sind sie auch ohne Wirkstoff etwa ebenso effektiv wie virostatische Cremes. Die Pflaster haben durchaus Vorteile: Sie schützen vor Infektionen und Weiterverbreitung der Viren. Außerdem lassen sie sich gut überschminken, d.h. das Fieberbläschen fällt weniger stark auf. Die Patches sollen 24 h auf der Läsion verbleiben. Beim Austausch lösen sich die Krusten mit ab – was allerdings recht schmerzhaft sein kann.

Ein weiteres Therapieprinzip ist Hitze. HSV sind wärmeempfindlich und lassen sich deshalb mit speziellen elektrischen Lippenstiften bekämpfen. Ab dem ersten Kribbeln soll man das Gerät stündlich für drei Sekunden auf die betroffene Stelle aufsetzen. Kribbelt es weiter, kann man die Behandlung nach zwei Minuten insgesamt fünf Mal pro Stunde wiederholen. Offene Bläschen oder verletzte Haut dürfen damit allerdings nicht behandelt werden. Außerdem muss die Haut frei von Cremes und trocken sein. Um eine Virenübertragung zu vermeiden, sollte der elektrische Stift nur von einer Person verwendet werden.

Tipp: Für ihre Vermehrung brauchen Herpesviren die Aminosäure L-Arginin. Nimmt man deren Gegenspieler L-Lysin ein, kann das die Abheilung unterstützen. L-Lysin ist in verschiedenen Nahrungsergänzungsmitteln (Kapseln oder Kautabletten) enthalten.

Allgemeine Maßnahmen verhindern die Ansteckung

Egal wie man seinen Lippenherpes behandelt: Auf jeden Fall sollte man dafür sorgen, dass man andere nicht infiziert. Denn die Flüssigkeit in den Bläschen ist prall gefüllt mit Viren. Hygiene ist bei einem akuten Lippenherpes deshalb oberstes Gebot. Das bedeutet:

  • Hände regelmäßig waschen und desinfizieren.
  • Bläschen nicht berühren oder öffnen. Cremes und Gele am besten mit einem Wattestäbchen auftragen.
  • Körperkontakt mit Kindern und Schwangeren meiden.
  • Läsionen mit einem Herpespatch oder Pflaster abdecken.
  • Als Kontaktlinsenträger mit aktivem Lippenherpes lieber eine Brille tragen, um die Viren nicht in die Augen zu verschleppen.
  • Nach dem Abheilen Zahnbürsten austauschen.

In manchen Fällen kann man dem wiederkehrenden Lippenherpes vorbeugen. Dazu muss man allerdings die Faktoren kennen, die das Aufblühen triggern. Ist Sonne der Auslöser, hilft Sonnenschutz – vor allem ein Lippenstift mit hohem Lichtschutzfaktor. Auch Kälte und trockene Luft kann HSV aufwecken. Deshalb sollte man im Winter die Lippen gut pflegen und draußen mit einem Schal oder Rollkragen vor eisigen Temperaturen schützen. Bei stressbedingtem Herpes können Entspannungstherapien zu einer besseren Stresskontrolle führen. Infektionen vermeidet man, indem man die empfohlenen Impfungen wahrnimmt und vor allem in der Erkältungszeit die Gebote der Hygiene beachtet.

Tipp: Wenn der Lippenherpes regelmäßig aufblüht, sollte man darüber Buch führen. Dadurch lassen sich die triggernden Faktoren leichter herausfinden.

Virostatika innerlich

In manchen Fällen müssen virostatische Medikamente auch innerlich eingesetzt werden. Dass ist z.B. der Fall, wenn schwere Verläufe drohen – wie bei Patient*innen mit Immunerkrankungen oder bei Neugeborenen. Meist verabreichen die Ärzt*innen den Wirkstoff dann über die Vene. Vor Zahnoperationen oder Schönheitsoperationen im Gesicht empfehlen Ärzt*innen oft die Einnahme von Aciclovir-Tabletten, um das Aufblühen von Läsionen zu verhindern. Bei immungeschwächten Menschen, die häufig Rezidive erleiden, wird zur Vorbeugung manchmal auch zu einer Langzeittherapie mit Valaciclovir oder Aciclovir in Tablettenform geraten.

Quelle: DAZ 2023, 26: 30

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / BSIP / Chassenet
Der Erkältung eins husten
Ausreichend Tee zu trinken und sich warm zu halten gehört zu den Basismaßnahmen bei Erkältungskrankheiten.

Der Erkältung eins husten

Mit Thymian, Myrte, Rosmarin

In der Erkältungszeit machen Husten, Schnupfen und Heiserkeit vor kaum jemandem halt. Zum Glück muss man nicht gleich mit Kanonen auf Spatzen schießen: Pflanzentherapeutika und Hausmittel können beim grippalen Infekt die Beschwerden gut lindern.

Grippaler Infekt oder Grippe?

In Herbst und Winter leiden Millionen von Deutschen an akuten Atemwegserkrankungen. Ein Teil davon geht mittlerweile auf eine Infektion mit dem Coronavirus zurück. Das Robert Koch-Institut schätzt allerdings, dass der Löwenanteil an Erkältungen von Influenzaviren, Rhinoviren und respiratorischen Synzytialviren (RSV) verursacht wird.

Der typische „grippale Infekt“ beginnt mit Halsschmerzen und Schnupfen, oft schmerzen auch Kopf und Glieder. Es kommt zu Husten mit zunehmendem Auswurf, die ganze Sache dauert etwa eineinhalb Wochen. Dahinter stecken insbesondere Rhinoviren oder RSV. Eine Erkältung oder ein grippaler Infekt lässt sich recht gut in Eigenregie mit Hausmitteln oder Hilfe aus der Apotheke behandeln.

Die echte Grippe wird durch Influenzaviren ausgelöst. Dabei entwickelt sich meist schnell hohes Fieber und Reizhusten, die Lymphknoten schwellen an und die Betroffenen fühlen sich sehr krank. Zu ganz ähnlichen Beschwerden kommt es auch bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV2 und bakteriellen Infektionen. In all diesen Fällen ist es wichtig, die Ärzt*in aufzusuchen.

Hinweis: Alte Menschen, Immungeschwächte und Schwangere sollten sich bei einer starken Erkältung nicht selbst therapieren. Um Komplikationen zu vermeiden, ist es besser, frühzeitig ärztliche Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Immunsystem stärken

Beim grippalen Infekt möchten viele Patient*innen ihr Immunsystem mit Pflanzenmedizin unterstützen. Angeboten werden dafür vor allem Pelargonium sidoides, Echinacea und Kapuzinerkresse plus Meerrettich.

Pelargonium-sidoides-Extrakt (z B. in Umckaloabo® oder Pelargonium-ratiopharm® Bronchialtropfen) ist ein besonders gut untersuchtes pflanzliches Heilmittel. Eine vor wenigen Jahren veröffentlichte Metaanalyse kam zu dem Schluss, dass der Extrakt grippale Beschwerden lindert - die Patient*innen hören z.B. früher auf zu husten. Auch die allgemeineErkrankungsdauer soll sich um einige Tage verkürzen. Allerdings gibt es Hinweise, dass Pelargonium sidoides die Leber schädigen könnte. Leberkranke dürfen den Extrakt deshalb nicht einnehmen. Im Zweifel fragt man dazu seine Ärzt*in.

Der Extrakt aus dem Purpur-Sonnenhut (Echinacea purpurea, z.B. in Esberitox®) soll Erkältungen vorbeugen sowie entsprechende Beschwerden lindern. Die Studienergebnisse dazu sind allerdings widersprüchlich. Am ehesten scheint der Sonnenhut bei frühzeitiger Einnahme zu wirken.

Ebenfalls eingesetzt werden Extrakte aus Kapuzinerkresse und Meerrettich (z.B. Angocin®). Sie wirken eher vorbeugend: In einer Untersuchung erkrankten Teilnehmende, die den Extrakt einnahmen, seltener an Atemwegsinfektionen. Wurden sie dennoch davon erwischt, hatte der Extrakt keinen Einfluss auf Dauer und Schwere der Erkrankung.

Hinweis: Am besten kauft man diese Extrakte in einer Apotheke. Dort kann man sicher sein, ein geprüftes Präparat zu erhalten. Zudem bekommt man eine ausführliche Beratung.

Allgemeine Maßnahmen sind die Basis

Neben pflanzlicher Unterstützung helfen bei einer Erkältung vor allem auch allgemeine Maßnahmen. Wenn das Immunsystem gegen Erreger kämpft, ist es gut, sich zu schonen und dem Körper Ruhe zu gönnen. Bei leichtem Fieber helfen zudem kühle Wadenwickel. Im frühen Stadium einer Erkältung sind warme Fußbäder angenehm. Außerdem sollte man auf eine ausreichende Luftfeuchtigkeit achten, damit die Schleimhäute feucht bleiben und Krankheiterreger gut abtransportieren werden können. Besteht kein Fieber, sind Erkältungsbäder mit Extrakten aus Rosmarin und Eukalyptus für viele eine Wohltat. Bei Fieber sollte man auf warme Bäder besser verzichten, um den Kreislauf nicht zu belasten.

Für die Abwehr von Erregern braucht das Immunsystem sehr viel Energie. Auch wenn man sich schwach fühlt, sollte man ausreichend Kalorien zu sich nehmen. Um das Verdauungssystem nicht zu belasten, bietet sich leichte Kost an. Immer empfehlenswert ist die Gemüsebrühe, ansonsten gilt Tee als  ideal. Beides ersetzt auch die Flüssigkeit, die durch Schwitzen und vermehrte Nasensekrete verloren geht.

Manche schwören bei den ersten Anzeichen einer Erkältung auch auf eine Schwitzkur. Sie soll dafür sorgen, dass die Erreger möglichst schnell wieder ausgeschieden werden. Das funktioniert so:

  • Bequemen Jogginganzug anziehen, Mütze aufsetzen.
  • Gemütlich auf einem Sessel Platz nehmen und die Füße in ein warmes Fußbad stellen.
  • Währenddessen einen Schwitzkur-Tee trinken. Das Rezept dafür lautet: Jeweils 30 g Holunder- und Lindenblüten, 20 g Mädesüßblüten und 20 g Hagebuttenfrüchte mischen. Einen Esslöffel davon mit 150 ml heißem Wasser übergießen, ziehen lassen und trinken. Drei- bis viermal täglich wiederholen.
  • Füße abtrocknen, schweißnasse Kleidung wechseln, ins Bett legen und schlafen.

Hinweis: Vorsicht, eine Schwitzkur belastet den Kreislauf stark. Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollten deshalb lieber darauf verzichten.

Halsschmerzen lindern

Erkältungskrankheiten und grippale Effekte beginnen fast immer mit Halsschmerzen. Schon einfache Lutschbonbons (bitte ohne Zucker!) lindern die Qual, weil sie die Speichelproduktion anregen. Nachgewiesenermaßen schmerzstillend wirken Salbei und Thymian. Sie gibt es in der Apotheke als Lutschbonbons und als Spray. Ebenfalls hilfreich für gestresste Rachen sind Primelwurzeln (z.B. in Ipalat®), Spitzwegerich (z.B. in Tetesept® Reizhusten & Hals Lutschtabletten) und isländisches Moos (z.B. in Isla Moos®, Neoangin Junior® und Aspecton®).

Eine Alternative zu Bonbons und Spray ist Tee. Dazu übergießt man einen Esslöffel getrocknete Salbeiblätter mit kochendem Wasser. Den Sud zehn Minuten zugedeckt ziehen lassen, danach durch ein Sieb gießen und einmal pro Stunde damit gurgeln.

Nicht pflanzlich, aber ebenfalls natürlich ist außerdem der Quarkwickel. Dafür streicht man etwa 250 g zimmerwarmen Quark auf ein Leinentuch auf und legt dies abends mit der Quarkseite auf den Hals. Darüber kommt ein trockenes Tuch. Der Wickel bleibt über Nacht liegen und wird morgens abgenommen.

Hinweis: Am besten ist es, Tee und Lutschbonbons zu kombinieren. So wird der Schmerz im Hals gemildert und der Körper erhält ausreichend Flüssigkeit.

Nase frei ist oberstes Gebot

Neun von zehn Betroffenen mit grippalem Infekt leiden unter Schnupfen mit Niesreiz, Naselaufen und verstopfter Nase. Bei starker Ausprägung sind nicht-pflanzliche abschwellende Nasensprays aus der Apotheke die wichtigste Maßnahme, damit das Sekret abläuft und sich die ganze Sache nicht zu einer schweren Nebenhöhlenentzündung auswächst. Damit die Nasenschleimhaut nicht leidet, dürfen abschwellende Nasentropfen nur wenige Tage lang angewendet werden.

Pflanzenmedizin kann bei der Befreiung der Nase durchaus unterstützend wirken. So soll ein Extrakt aus Ampfer, gelbem Enzian, Holunder, Eisenkraut und Schlüsselblume (z.B. BNO1016 in Sinupret®) die Dauer einer Rhinosinusitis (das ist die Infektion von Nasenhöhle und Nasennebenhöhle) um vier Tage reduzieren. Auch Eukalyptus-Extrakte (z.B. in Gelomyrtol forte® oder Soledum®) sind hilfreich. Sie beschleunigten bei Patient*innen mit Rhinosinusitis, die Antibiotika bekamen, die Linderung der Beschwerden und die Heilung.

Direkt in Nase und Nebenhöhlen wirken Inhalationen mit Wasserdampf. Dazu füllt man heißes Wasser in eine Schüssel, beugt den Kopf darüber und atmet die Dämpfe ein. Noch einfacher geht es mit speziellen, in der Apotheke erhältlichen Inhaliergefäßen. Je nach Vorliebe fügt man dem heißen Wasser Kamillenblüten oder ätherische Öle aus Pfefferminze, Eukalyptus oder Latschenkiefer hinzu. Vorsicht geboten ist bei Asthma oder Keuchhusten. In diesen Fällen kann es durch das Inhalieren ätherischer Öle zu Verkrampfungen der Bronchialmuskulatur und Atemnot kommen.

Etwas unangenehm, aber wirksam sind zudem Nasenspülungen mit Kochsalzlösung. Dazu verwendet man entweder eine professionelle Nasendusche. Oder man zieht die Lösung durch die Nase und spuckt sie durch den Mund wieder aus.

Hinweis: Nasennebenhöhlenentzündungen können sich auch in das Gehirn ausbreiten. Wichtige Alarmsignale dafür sind starke Kopfschmerzen, Veränderungen beim Sehen und eine Lidschwellung.

Dem Husten eins husten

Im Verlauf eines grippalen Infekts kommt es eher spät zu Husten. Meist handelt es sich zunächst um trockenen Reizhusten, Auswurf entwickelt sich erst im Verlauf. Gegen trockenen Husten hilft folgende Teerezeptur:

  • 15 g Anisfrüchte, 25 g Süßholzwurzel, 25 g Eibischwurzel und 35 g Eibischblätter vermischen,
  • zwei Esslöffel der Teemischung mit einer Tasse kochendem Wasser übergießen,
  • 10 bis 15 Minuten ziehen lassen und abseihen.
  • 3 – 4 Mal täglich eine Tasse davon trinken.

Außerdem empfohlen werden bei Reizhusten schleimhaltige pflanzliche Arzneimittel zum Lutschen. Dazu gehören Spitzwegerich in Broncho-Sern®, Eibisch in Silomat® oder die Königskerze (z. B. Antall®). Beim produktiven Husten unterstützen Pflanzentherapeutika das Lösen der Sekrete. Eingesetzt werden vor allem Eukalyptus (z.B. in Gelomyrtol forte®), Primel (z.B. in Bronchicum®) oder Myrte (z.B. Myrtol®).

Efeublätter-Trockenextrakte wie Prospan® lösen und lindern Husten ebenfalls. Ihre Wirkung ist allerdings gering, wie eine Metaanalyse ergab. Dafür hat Efeu eine leichte bronchospasmolytische Wirkung, d.h. es entspannt die Atemwege. Dieser Effekt ist bei Patient*innen mit begleitendem Asthma oder einer chronisch-obstruktiven Pulmonalerkrankung (COPD) günstig.

Hildegard von Bingen schwörte übrigens bei Keuchhusten auf echten Thymian als Hustenstiller. Tatsächlich konnte Thymian in Kombination mit Efeu-Extrakt in einer kontrollierten Studie die Häufigkeit und Dauer von Husten bei Bronchitis lindern. Hinweis: Husten, der länger als acht bis zehn Tage anhält, sollte ärztlich abgeklärt werden. Denn dahinter könnte auch ein Asthma, eine Herzschwäche oder die Nebenwirkung einer Medikamententherapie stecken.

Quelle: Penzel M, DAZ 2022; 50:1-15, Beer AM, MMW 2016:21-22:158

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / Westend61 / Svetlana Karner
Gezielt gegen Blasenschwäche
Bei einer Blasenschwäche ist nicht nur der erhöhte Wäscheaufwand ein Problem für die Betroffenen.

Gezielt gegen Blasenschwäche

Mit Training und Medikamenten

Immer noch ein Tabu, aber weit verbreitet: Unter einer Blasenschwäche leiden in Deutschland Millionen von Frauen und Männern. Gegen den unwillkürlichen Urinverlust helfen allgemeine Maßnahmen und das Trainieren von Blase und Beckenboden. Reicht das nicht aus, kommen Medikamente ins Spiel.

Eingeschränkte Lebensqualität

Blasenschwäche (Harninkontinenz) ist die Unfähigkeit, den Urin in der Harnblase zu halten. Es kommt stattdessen zu unkontrolliertem Urinverlust, entweder tröpfchenweise oder auch im Schwall. Darunter leiden viele Menschen. Bei den 40- bis 60-Jährigen ist jede Zehnte betroffen, bei den Über-60-Jährigen jede Vierte.

Ob jünger oder älter – eine Blasenschwäche ist immer sehr belastend. Je nach Ausmaß wird die Lebensqualität durch die Inkontinenz stark eingeschränkt. Weil sie sich schämen, gehen viele Menschen trotz ihrer Beschwerden nicht zur Ärzt*in. Dabei ist es wichtig, eine Blasenschwäche zu behandeln. Denn nicht nur die psychischen Folgen wie Depressionen und Vereinsamung sind erheblich. Es drohen Hautentzündungen im Intimbereich und wiederkehrende Harnwegsinfektionen bis hin zum Nierenschaden. Zudem fallen alte Menschen mit Blasenschwäche häufiger hin, weil sie die Toilette schnell erreichen wollen. Solche Stürze enden oft mit einer fatalen Oberschenkelhalsfraktur.

Hinweis: Frauen leider öfter an Blasenschwäche als Männer. Ihr Beckenboden ist dehnbarer und hat mehr Durchgänge als der männliche Beckenboden. Außerdem wird der Blasenverschluss beim Mann durch die unter der Blase liegende Prostata unterstützt.

Welche Blasenschwäche ist es?

Blasenschwäche ist nicht gleich Blasenschwäche. Um die Beschwerden zu dokumentieren und besser interpretieren zu können, ist ein Blasentagebuch hilfreich. Darin hält man täglich fest, wieviel man trinkt und wie häufig man auf die Toilette muss. Wenn möglich, misst man auch die Menge des täglich ausgeschiedenen Urins. Mithilfe dieser Informationen kann die Ärzt*in die Blasenschwäche meist gut einordnen.

Belastungsinkontinenz. Jede zweite Frau mit Blasenschwäche leidet an einer Belastungsinkontinenz (früher auch Stressinkontinenz genannt). Dabei verliert die Betroffene Urin, ohne dass sie vorher einen Harndrang bemerkt hat. Der muskuläre Verschluss am Ausgang der Blase funktioniert nicht mehr gut, etwa weil die Beckenbodenmuskulatur schwach ist oder die Beckenbänder geschädigt sind. Dann genügt schon ein kleiner Druckanstieg in der Blase und die Betroffene verliert Urin. Der Druck in der Blase steigt an, wenn sich der Druck im Bauchraum erhöht. Dazu kommt es schon bei ganz normalen körperlichen Beanspruchungen wie Husten, Niesen oder dem Heben schwerer Gegenstände. Begünstigt wird die Belastungsinkontinenz durch eine Gebärmuttersenkung und Übergewicht.

Dranginkontinenz. Bei der Dranginkontinenz muss die Betroffene plötzlich ganz dringend auf die Toilette, ohne dass die Blase richtig gefüllt ist. Wer nicht schnell genug ist, verliert kleine Tropfen Urin, manchmal aber auch einen ganzen Schwall. Das passiert sowohl tagsüber als auch nachts. Auslöser ist eine Störung in der Blasenwandmuskulatur, z.B. durch Entzündungen, Blasensteine oder neurologische Erkrankungen wie Multiple Sklerose oder Parkinson. Beim Mann kommt als Ursache auch eine Prostatavergrößerung in Frage.

Mischinkontinenz. Hier leiden die Betroffenen unter beiden Formen der Blasenschwäche. Sie haben wie bei einer Dranginkontinenz auch bei nicht gefüllter Blase Harndrang und ungewollten Urinverlust. Außerdem verlieren sie Urin bei körperlicher Beanspruchung.

Überaktive Blase. Bei dieser Blasenschwäche zieht sich der Muskel am Blasenausgang immer wieder zusammen und lässt dann wieder los. Das Phänomen ist nervenbedingt oder psychisch. Die Patient*innen leiden unter sehr starkem, manchmal sogar schmerzhaftem Harndrang, der sie mehr als acht Mal täglich und auch nachts zur Toilette zwingt. Solange der Beckenboden noch funktioniert, können die Betroffenen den Urin aber noch willkürlich zurückhalten.

Daneben gibt es weitere Formen der Blasenschwäche. Befindet sich z.B. am Blasenausgang ein Tumor oder Blasenstein, entleert sich die Blase beim Wasserlassen nicht komplett. Es bleibt Urin in der Blase, d.h. die Menge an sog. Restharn steigt an. Die Blase ist überfüllt und kann überlaufen. Patient*innen haben meist einen dauerhaften Harndrang und verlieren ständig kleine Mengen an Urin. Andere Ursachen für Blasenschwäche sind Nervenerkrankungen wie z.B. die Querschnittlähmung. Dabei lösen Reflexe (etwa bei gefüllter Blase) das Pinkeln aus. Man spricht dann von einer Reflexinkontinenz.

Ist die Form der Blasenschwäche erkannt, wird nach der Ursache gesucht. Je nach Verdachtsdiagnose kommen spezielle Untersuchungen zum Einsatz. Dazu gehören z.B. die Restharnbestimmung und die Urinanalyse, z.T. auch Blutuntersuchungen zur Überprüfung der Nierenfunktion. Bei Frauen ist eine gynäkologische Untersuchung empfehlenswert, da Veränderungen im Becken häufig eine Blasenschwäche auslösen oder verstärken. Beim Mann ist die Untersuchung der Prostata obligat. In manchen Fällen sind auch Ultraschalluntersuchungen oder eine Blasenspiegelung nötig.

Was gegen die Blasenschwäche hilft

Liegt der Harninkontinenz eine Erkrankung zugrunde, wird diese entsprechend therapiert. Dies ist zum Beispiel bei der Prostatavergrößerung oder bei Blasensteinen der Fall. Häufig gibt es aber keine behandelbare Ursache. In diesen Fällen geht man den ungewollten Urinverlust in Stufen an. Basis sind folgende Allgemeinmaßnahmen:

  • Koffeinkonsum reduzieren. Kaffee, Cola und schwarzer Tee haben aufgrund des Koffeins eine ausschwemmende Wirkung. Bei manchen Betroffenen wird die Blasenschwäche besser, wenn sie diese Genussmittel vermeiden.
  • Übergewicht verringern. Zu viele Kilos erhöhen den Druck im Bauch und folglich auch den Druck auf die Blase. Abnehmen bessert deshalb vor allem die Belastungsinkontinenz.
  • Verstopfung behandeln. Starkes Pressen beim Stuhlgang belastet die Beckenbodenmuskulatur und schwächt diese auf Dauer.
  • Flüssigkeitszufuhr kontrollieren. Vor allem bei der überaktiven Blase kann es helfen, etwas weniger zu trinken. Aber Vorsicht, diese Maßnahme sollte man immer mit der Ärzt*in besprechen. Auf keinen Fall darf man aufgrund seiner Blasenschwäche eine Austrocknung (Dehydrataion) riskieren.
  • Mehr bewegen. Spazierengehen und auch Hausarbeit sind besser als Herumsitzen und Schonen. Denn auch moderate körperliche Bewegung stärkt den Beckenboden.
  • Ungünstige körperliche Belastungen vermeiden. Schweres Heben schadet dem Beckenboden, ebenso sind manche Sportarten ungünstig. Dazu gehören z.B. Trampolinspringen oder Crossfit-Training.
  • Rauchen aufgeben. Raucherhusten geht oft mit einer Belastungsinkontinenz einher.

Tipp: Manche Medikamente verursachen oder fördern eine Harninkontinenz. Dazu gehören Anticholinergika zur Behandlung von Atemwegserkrankungen oder Parkinson, muskelentspannende Mittel, indirekte Parasympathikomimetika oder Beruhigungsmittel. Mit der Ärzt*in sollte besprochen werden, ob diese Arzneimittel reduziert oder ersetzt werden können.

Blase oder Beckenboden trainieren

Auch Training kann bei einer Blasenschwäche helfen. Gestärkt werden dabei je nach Form der Blasenschwäche entweder die Blase selbst oder der Beckenboden.

Das Blasentraining hilft besonders gegen die Dranginkontinenz. Es zielt darauf ab, die Zeiträume zwischen den Toilettengängen zu verlängern. Zunächst versucht die Betroffene, nicht gleich beim ersten Anzeichen eines Harndrangs zur Toilette zu gehen. Schritt für Schritt wird der Gang zur Toilette immer länger verzögert. Hilfreich dabei sind Entspannungsübungen. Auf diese Weise vergrößert sich das Aufnahmevolumen der Blase, der Harndrang wird geringer und das Wasserlassen besser kontrolliert.

Intensives Beckenbodentraining ist dagegen die passende Maßnahme für eine Belastungsinkontinenz. Diese Übungen erlernt man am besten in einer Physiotherapie. Spüren Betroffene mit Belastungsinkontinenz ihre Beckenbodenmuskulatur nicht, kann die Elektrostimulation helfen. Dazu verschreibt die Ärzt*in spezielle Geräte, die über die Scheide oder den Dammbereich elektrische Impulse abgeben.

Tipp: In die Scheide eingelegte Pessare stabilisieren die Harnröhre von innen. Sie helfen besonders bei unwillkürlichem Urinverlust durch körperliche Belastungen im Rahmen einer Belastungsinkontinenz.

Medikamente gegen Urinverlust

Wenn allgemeine Maßnahmen und Training nicht zum erwünschten Erfolg führen, sind stärkere Geschütze geboten. Leider gibt es wenig Hilfe aus dem Reich der Pflanzen. Zwar werden zur Linderung der Beschwerden zahlreiche Extrakte angeboten. Klinische Studien mit eindeutigen Daten zur Wirksamkeit fehlen in den meisten Fällen. Für Kürbissamen gibt es aus einer Beobachtungsstudie mit 117 Betroffenen Hinweise, dass sie Frauen mit überaktiver Blase helfen können.

Anders sieht das mit synthetischen Arzneimitteln aus. Für die Dranginkontinenz und die überaktive Blase gelten Muskarinrezeptor-Antagonisten als effektive Option. Sie verringern spontane Mikrobewegungen in der Blasenwandmuskulatur und reduzieren den Harndrang. Allerdings blockieren die Wirkstoffe nicht nur die Muskarinrezeptoren in der Blase, sondern im gesamten Organismus. Deshalb haben diese Substanzen auch zahlreiche Nebenwirkungen. Dazu gehören u.a. Mundtrockenheit, Sehstörungen und Verstopfung. Oxybutynin führt bei älteren Menschen sogar zu Verwirrtheit und Denkstörungen, vor allem wenn es abgeschluckt wird.

Einige Muskarinrezeptor-Antagonisten (z.B. Tolterodin) sollen beinahe nur auf die Blase wirken und so weniger Nebenwirkungen auslösen. Letzteres gilt auch für Präparate, deren Wirkstoff verzögert freigesetzt wird, sog. retardierte Arzneistoffe.

Eine neue Therapieoption gegen Dranginkontinenz und eine überaktive Blase ist Mirabegron. Die Substanz bindet an Betarezeptoren in der Harnblasenmuskulatur und entspannt dadurch die Blase. Eingesetzt wird Mirabegron, wenn Muskarinrezeptor-Antagonisten nicht ausreichend wirken. Sie sind auch bei älteren Menschen geeignet, weil sie seltener Verwirrtheit oder Denkstörungen auslösen. Als Nebenwirkung ist allerdings eine Erhöhung des Blutdrucks zu beachten.

Ein Wirkstoff zur Behandlung der Belastungsinkontinenz ist das Antidepressivum Duloxetin, ein selektiver Serotonin-Noradrenalin-Wiederaufnahmehemmer. Es stärkt den Schließmuskel der Blase und erhöht ihr Fassungsvermögen. Dadurch kommt es seltener zu unwillkürlichem Urinverlust. Das hat allerdings auch bei Duloxetin seinen Preis: Typisch sind Nebenwirkungen im Verdauungstrakt wie Übelkeit, Bauchschmerzen, Durchfall oder Verstopfung. Vor allem bei psychisch nicht gesunden Menschen soll der Wirkstoff aber auch vermehrt Angst und innere Unruhe auslösen.

Mit Operationen an die Blasenschwäche

Manchmal helfen auch Medikamente nicht ausreichend. Ist der Leidensdruck hoch, sind interventionelle oder operative Verfahren eine Option.

Interventionelle Verfahren. Bei der überaktiven Blase und bei der Dranginkontinenz kann die Ärzt*in den Wirkstoff Onabotulinumtoxin A in die Blase instillieren. Dadurch entspannt sich die Blasenmuskulatur und der Harndrang wird weniger. Die Wirkung setzt jedoch erst zwei Wochen nach dem Eingriff ein und hält nur einige Wochen bis Monate an. Eine weitere Option bei überaktiver Blase ist die sakrale Neuromodulation. Dabei wird eine Art Schrittmachers in die Blase eingesetzt. Dieser sendet sanfte elektrische Impulse an den Sakralnerv, der die Blase versorgt. Auf diese Weise lässt sich sowohl eine Überaktivität als auch eine Unteraktivität der Blasenmuskulatur kontrollieren.

Operationen. Die Belastungsinkontinenz kann auch relativ einfach mit einer Band- oder Schlingen-Operationen behandelt werden. Dabei wird das natürliche Band, das die Harnröhre in ihrer Position hält, durch ein künstliches Band verstärkt. Eine weitere Möglichkeit ist das Injizieren von Gel in den Bereich des Harnröhrenabgangs von der Blase. Es entsteht ein Polster, das den Blasenausgang besser verschließt. Manchmal empfehlen die Ärzt*innen auch das operative Anheben des Blasenhalses. Ist bei Männern eine vergrößerte Prostata die Ursache der Blasenschwäche, hilft deren komplette oder teilweise Entfernung.

Quelle: S2k-Leitlinie Harninkontinenz der Frau

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images / Giuseppe Anello / Alamy / Alamy Stock Photos
Was hilft gegen niedrigen Blutdruck?
Bei einer Hypotonie liegen die Blutdruckwerte unter 100/60 mmHg.

Was hilft gegen niedrigen Blutdruck?

Kalte Füße, häufig Schwindel

Menschen mit niedrigem Blutdruck fühlen sich oft schlapp und müde, sie frieren leicht und leiden unter Konzentrationsschwierigkeiten. Zum Glück steckt meist keine ernsthafte Erkrankung dahinter. Dann lässt sich dem niedrigen Blutdruck mit vielen einfachen Maßnahmen Beine machen. Reicht das nicht, gibt´s Hilfe aus der Apotheke.

Von Müdigkeit bis Krampfanfall

Von einem niedrigen Blutdruck oder einer Hypotonie spricht man, wenn der systolische Blutdruckwert unter 100 mmHg liegt. In den allermeisten Fällen hat das keinen Krankheitswert. Im Gegenteil: Menschen mit niedrigem Blutdruck weisen sogar eine etwas höhere Lebenserwartung auf als Menschen mit normalen Blutdruckwerten. Doch viele Betroffene leiden trotzdem unter ihrer Hypotonie, denn sie kann eine ganze Reihe von Beschwerden auslösen.

Durch die verringerte Durchblutung frieren hypotone Menschen häufiger. Oft fühlen sie sich müde, und ihre Konzentrationsfähigkeit kann eingeschränkt sein. Es drohen Benommenheit, Schwindelgefühle und Sehstörungen. Auch hinter Verwirrtheitszuständen kann ein zu niedriger Blutdruck stecken. Vor allem bei älteren Menschen kommt es blutdruckbedingt zu kurzer Bewusstlosigkeit (Synkope) und dadurch zu Stürzen, manchmal entstehen sogar Krampfanfälle. Typisch ist, dass körperliche Anstrengung oder Essen die Beschwerden verstärken. Das liegt daran, dass der ohnehin geschwächte Kreislauf dann primär die Muskeln oder den Verdauungstrakt versorgt und dadurch noch weniger Sauerstoff im Gehirn ankommt.

Hinweis: Eine chronische Hypotonie löst keinesfalls immer Symptome aus. Es gibt Menschen, deren Blutdruck konstant zu niedrig ist und die trotzdem keinerlei Beschwerden damit haben.

Sensibler Regelkreis

Den Blutdruck- bestimmen mehrere Faktoren. Dazu zählen die Kraft und die Anzahl der Schläge, mit der das Herz das Blut in die Hauptschlagader pumpt. Entscheidend ist auch, wie hoch der Widerstand der Gefäßwände ist. Herz und Gefäßmuskulatur werden durch einen komplexen Regelkreis über das autonome Nervensystem gesteuert. Dieser ist wiederum eng verbunden mit der für den Blutdruck wichtigen Regulierung des Flüssigkeitshaushalts. Befindet sich z.B. zu wenig Flüssigkeit – sprich Volumen – in den Gefäßen, halten Herz und Gefäßwände nur schwer den Druck im Blutkreislauf aufrecht.

Je nach Ursache unterscheidet man bei der Hypotonie verschiedene Formen.

  • Die primäre oder essenzielle Hypotonie betrifft vor allem Jugendliche und junge Frauen mit schlankem Körperbau und Ausdauersportler*innen. Ihr liegt vermutlich ein erniedrigter Sollwert im Kreislaufregulationszentrum zugrunde.
  • Als sekundäre Hypotonie werden diejenigen Formen des niedrigen Blutdrucks bezeichnet, die durch eine Krankheit, Flüssigkeitsmangel oder eine Medikamentennebenwirkung ausgelöst werden. Aufgrund der vielen für den Blutdruck relevanten Faktoren gibt es eine große Anzahl solcher Auslöser. Sie reichen von Herzerkrankungen (z.B. Herzinfarkt oder Herzschwäche) über hormonelle Störungen (Schilddrüsenunterfunktion, Nebennierenrindeninsuffizienz) bis zu Blutarmut oder mangelnder Flüssigkeitszufuhr.

Hinweis: Wer unter niedrigem Blutdruck leidet und regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte diese mithilfe der Hausärzt*in prüfen. Neben Entwässerungsmitteln und Wirkstoffen gegen Brustenge (Angina pectoris) können vor allem Antidepressiva und Schmerzmittel eine ungewollte Blutdrucksenkung auslösen. Vorsicht geboten ist auch bei der Einnahme von Phosphodiesterase-III-Hemmern, die in Potenzmitteln wie Sildenafil oder Vardenafil enthalten sind.

Orthostatische Dysregulation

Eine spezielle Form der Hypotonie ist die orthostatische Dysregulation. Im Gegensatz zur chronischen Hypotonie sind dabei die Blutdruckwerte nicht dauerhaft niedrig. Sie sinken nur beim Aufstehen aus dem Sitzen oder Liegen deutlich ab. Dabei „versackt“ das Blut in den Beinvenen, wodurch das Gehirn weniger durchblutet wird. Die Folge davon sind Schwindel, Sehstörungen, Kopf- und Nackenschmerzen. Typischerweise bessern sich die Beschwerden sofort, wenn sich die Betroffene wieder hinlegt.

Für dieses starke Absinken der Blutdruckwerte diskutieren Expert*innen verschiedene Ursachen. Zum einen kann das autonome Nervensystem geschädigt oder gestört sein, sodass bei einem Blutdruckabfall die schnelle Antwort der Gefäße und des Herzens ausbleibt. Auch eine Hypovolämie, also zu wenig Flüssigkeit in den Gefäßen, soll daran beteiligt sein.

Vor allem bei Jüngeren ist diese Form der Hypotonie oft konstitutionell bedingt. Schlanke und große Menschen sind deshalb häufiger davon betroffen, begünstigend wirken mangelndes körperliches Training und unzureichende Flüssigkeitszufuhr. Bei älteren Menschen wird die orthostatische Dysregulation oft ausgelöst durch

  • Medikamente (Hochdruckmittel, Entwässerungsmittel, Neuroleptika, Parkinsonmittel, Antidepressiva)
  • Volumenmangel in den Gefäßen, z.B. durch mangelnde Flüssigkeitszufuhr, Flüssigkeitsverluste über Durchfall oder Blutungen (z.B. Darmblutungen) und Nierenerkrankung
  • Herzerkrankungen wie Herzschwäche, Herzrhythmusstörungen, koronare Herzkrankheit
  • Hormonstörungen

Hinweis: Die orthostatische Dysregulation tritt in jedem Lebensalter auf. Bei Menschen über 65 Jahren ist sie jedoch besonders häufig, jede Vierte soll davon betroffen sein.

Niedrigen Blutdruck abklären lassen

In den meisten Fällen hat ein niedriger Blutdruck keine ernste Ursache. Trotzdem sollte man mit der Hausärzt*in klären, ob vielleicht weitere Untersuchungen sinnvoll sind. Die Basisuntersuchung ist die normale Blutdruckmessung. Daneben zeigt eine 24-Stunden-Blutdruckmessung, wie es sich mit dem Druck im Tages- und Nachtverlauf verhält. Mithilfe des EKGs kommt man Herzrhythmusstörungen auf die Spur, mittels Ultraschall des Herzens (Echokardiographie) lässt sich die Pumpkraft des Herzens prüfen.

Zwei Tests helfen bei der Diagnose der orthostatischen Hypotonie. Beim aktiven Stehtest (Schellong-Test) misst man Puls und Blutdruck zwei Minuten im Liegen. Dann wird die Patient*in aufgefordert, sich hinzustellen. Dabei misst man sofort und alle 60 Sekunden Puls und Blutdruck über mindestens drei Minuten. Sinkt der systolische Wert um mehr 20 mmHg und/oder der diastolische um mehr als 10 mmHg, liegt eine orthostatische Dysregulation vor. Steigt der Puls durch den Blutdruckabfall stark an, handelt es sich um eine sympathikotone Variante, bei der es häufiger zu Synkopen (Ohnmachtsanfällen) kommt. Bei der klassischen Variante bleibt der Anstieg der Herzfrequenz aus.

Der Kipptisch-Test wird mangels passender Ausrüstung meist nur in Herzpraxen durchgeführt. Dabei liegt die Patient*in zehn Minuten angeschnallt auf einer speziellen Liege, die dann in eine Position von 60 bis 80 Grad aufgerichtet (gekippt) wird. Diese Untersuchung wird vor allem bei unklaren Bewusstlosigkeitsanfällen (Synkopen) eingesetzt, wenn andere Verfahren (EKG, Herz-Echo, Blutdruckmessung, Steh-Test) keine eindeutigen Ergebnisse erbracht haben.

Dem Blutdruck Beine machen

Bei einer sekundären Hypotonie steht als erstes die Behandlung der auslösenden Ursache an, z.B. der Ausgleich eines Hormonmangels oder die Therapie einer Herzschwäche. Liegt keine behandlungsbedürftige Erkrankung vor, helfen oft einfache Maßnahmen gegen die Beschwerden:

Auslöser meiden. Treten die Symptome in bestimmten Situationen auf, gilt es, diese zu meiden. Dazu gehören beispielsweise ein langer Aufenthalt in schwüler Hitze oder zu langes Stehen. Ausreichend Flüssigkeit. Menschen mit einer Hypotonie müssen viel trinken. In der Regel heißt das (nach Rücksprache mit der Ärzt*in) zwei bis drei Liter pro Tag.

Häufig und salzreich essen. Mit mehreren kleinen, leichten Mahlzeiten über den Tag verteilt verringert man die Blutumverteilung in den Verdauungstrakt nach der Nahrungsaufnahme. Hypotoniker*innen sollten zudem salzreich essen, weil Salz Flüssigkeit in die Gefäße „zieht“. Häufig werden täglich 5 bis 10 g Kochsalz empfohlen. Wieviel Salz individuell ratsam ist, sollte unbedingt mit der Hausärzt*in besprochen werden. Zusätzlich ist es günstig, natriumreiches Trinkwasser zu wählen.

Auf Alkohol verzichten. Alkohol erweitert die Gefäße und senkt dadurch akut den Blutdruck. Wer zu Hypotonie neigt, sollte deshalb besser darauf verzichten.

Erhöhte Oberkörperlage beim Schlafen. Wer orthostatische Probleme beim Aufstehen aus dem Schlafen hat, kann das Kopfteil des Bettes um etwa 12° höherstellen. Dadurch wird die nächtliche Wasserausscheidung über die Niere verringert. Oft nützt es, sich vor dem Aufstehen zunächst für zwei Minuten an die Bettkante zu setzen und den Kreislauf an die veränderten Bedingungen zu gewöhnen.

Venentonus erhöhen. Gegen das Absacken des Blutes in die Beingefäße hilft es, die Venen und die umliegende Wadenmuskulatur zu stärken. Dazu eignen sich

  • Isometrische Übungen im Sitzen oder Stehen, z. B. das Überkreuzen der Beine im Stehen und das Auf-die Zehen-Stellen
  • Regelmäßige Anwendung von Wechselduschen oder Kneipp-Güssen
  • Trockenbürstenmassagen der Beine
  • Regelmäßiges Radfahren oder Walking
  • Kompressionsstrümpfe.

Medikamente gegen den niedrigen Druck

Hypotone und orthostatische Kreislaufregulationsstörungen lassen sich manchmal auch mit Wirkstoffen aus dem Pflanzenreich lindern. Ein Flüssigextrakt aus Weißdornbeeren und Campher erhöht beispielsweise die Herzfrequenz und die Kontraktionskraft des Herzmuskels. Die Tropfen sind wasserunlöslich und sollen deshalb auf einem Stück Zucker oder Brot eingenommen werden. Das Präparat ist rezeptfrei in der Apotheke erhältlich.

Synthetische Medikamente helfen ebenfalls gegen einen niedrigen Blutdruck. Sie sollten aber erst dann eingesetzt werden, wenn die anderen Maßnahmen bei der Behandlung der Hypotonie keinen Erfolg zeigen.

  • Sympathomimetika. Rezeptfrei in der Apotheke erhältlich sind die Sympathomimetika Etilefrin und Norfenefrin. Sie unterstützen das autonome Nervensystem und steigern die Herzkraft und den Gefäßwiderstand. Beide Wirkstoffe gibt es als Tropfen oder Tabletten. Sie sind mehrmals täglich je nach Beipackzettel einzunehmen. Um Schlafstörungen zu vermeiden, sollte die letzte Gabe vor 16 Uhr erfolgen. Bei Gefäßerkrankungen oder koronarer Herzkrankheit, Engwinkelglaukom und Prostatavergrößerung dürfen Sympathomimetika nicht eingesetzt werden. Ein weiteres, aber rezeptpflichtiges Sympathomimetikum ist Midodrin. Der Wirkstoff verengt die Gefäße und steigert dadurch den Blutdruck. Es gelten die gleichen Kontraindikationen wie bei Etilefrin.
  • Fludrocortison. Dieses Mineralkortikoid senkt die Natriumausscheidung über die Niere und erhöht dadurch Blutvolumen und Blutdruck. Es wird bei schwerer orthostatischer Hypotonie verordnet, wenn eine erhöhte Salz- und Flüssigkeitszufuhr nicht ausreichen. Als Nebenwirkungen sind Wassereinlagerungen, Herzschwäche, Schwitzen und Kopfschmerzen zu beachten.

Sonderfall Schwangerschaft

Ein niedriger Blutdruck während der Schwangerschaft ist nicht nur lästig für die werdende Mutter – er bedeutet auch eine Gefahr für das Kind. Denn hypotone Mütter haben einerseits ein erhöhtes Risiko für Früh- oder Fehlgeburten. Weil die Plazenta bei niedrigem Blutdruck schlechter durchblutet ist, drohen dem Ungeborenen außerdem Wachstumsstörungen.

Gegen niedrigen Blutdruck können sich werdende Mütter zunächst mit den oben genannten Allgemeinmaßnahmen helfen. Reicht das nicht aus, wird es schwierig. Denn die Behandlungsmöglichkeiten mit Medikamenten sind in der Schwangerschaft stark eingeschränkt. Sympathomimetika verbieten sich in den ersten drei Monaten strikt, da sie in Tierversuchen zu Missbildungen des Fetus geführt haben. Auch in der restlichen Schwangerschaft sollten sie besser nicht eingenommen werden und wenn, nur nach Rücksprache mit der Frauenärzt*in.

Eine medikamentöse Option für Schwangere ist Cardiodoron. Die Tinktur besteht aus Eselsdistel, Bilsenkraut und Frühlingsschlüsselblume und wird gegen Blutdruckschwankungen eingesetzt. In der höheren Konzentration muss der Extrakt von der Ärzt*in verordnet werden, stärker verdünnt ist er rezeptfrei in der Apotheke erhältlich. Wie bei allem Medikamenten in der Schwangerschaft ist es allerdings auch bei der rezeptfreien Variante sicherer, vor Einnahme die Frauenärzt*in zu befragen.

Tipp: Schwangere können ihren Blutdruck auch mit Sport auf Trab bringen. Besonders geeignet sind Schwimmen und Wassergymnastik sowie Radfahren und Nordic Walking. Wer joggen möchte, sollte sich dazu vorher Rat von der Frauenärzt*in einholen – denn Joggen belastet den Beckenboden.

Quelle: DAZ 2023; 12: 36

| Von: Dr. med. Sonja Kempinski; Bildrechte: mauritius images/Westend61/zerocreatives